Aline Spescha


Der Weihnachtstag wird heutzutage in jeder Familie anders gefeiert und typische Schweizer Weihnachtstraditionen verändern sich von Jahr zu Jahr. Dieses kurze Essay soll zwei verschiedene Generationen einander gegenüberstellen und so werden einige typische Weihnachtstraditionen aus Sicht von zwei Frauen unterschiedlicher Generationen (nicht miteinander verwandt) beleuchtet. Mit einer kurzen Schilderung einiger Traditionen am Weihnachtstag aus der Theorie wird eine Einleitung gemacht, welche später zur Praxis abgeglichen werden soll.

 

Typische Weihnachtstraditionen

Da es eine Vielzahl an typischen Schweizer Weihnachtstraditionen gibt, wird im Folgenden nur auf vier davon eingegangen, da dies sonst den Rahmen dieses Essays sprengen würde. In allen Weihnachtsritualen kann man jedoch ein Grundszenario feststellen, in dem meistens Grosseltern, Eltern und Kinder zusammenkommen und dabei vier Elemente den Festtag charakterisieren, : ein festliches Essen (siehe Punkt 1), eine intergenerationelle Feier (Punkt 2), ein Weihnachtsbaum (Punkt 3) und das gegenseitige Beschenken (Punkt 4) (Baumann/Hauri 2008). Diese vier Punkte thematisieren unter anderem auch die Religionspädagogen Baumann und Hauri in ihrem Sammelband Weihnachten – Familienritual zwischen Tradition und Kreativität.

 

  1. Essen: Als typische Festspeisen gelten oftmals Fondue und Raclette, bei welchen es sich um Speisen mit einem besonders gemeinschaftlichen Wert handelt. Zudem entlasten sie die Hausfrauen und Mütter von ihrer Küchentätigkeit (Tschofen 2010). Die Bedeutung der feiertäglichen Essensrituale liegt vor allem in der Bestätigung des Familienzusammenhalts und des gesellschaftlichen Status (Tschofen 2010).

 

  1. Rollenverteilung: Die Teilnehmer des Weihnachtsfests werden in verschiedenen Rollen gesehen, und diese verschiedenen Rollen hängen mit den natürlichen Unterschieden des Geschlechts und des Alters zusammen. Aber es findet ein reger geistiger Austausch statt, bei dem alle Seiten ernstgenommen werden und eigenes einzubringen haben (Schellong 1997). Weihnachten bewirkt zudem eine Bewusstwerdung der Bedeutung jeder Generation für das familiäre System, die in der täglichen Routine zu verschwinden droht (Baumann/Hauri 2008). Die Verantwortung für die Organisation des Festes liegt meist bei den Eltern. Die Grosseltern sind für die Kontinuität und Tradition verantwortlich und werden zudem als «hohe Gäste» geachtet. Die Kinder bilden schlussendlich das privilegierte Zielpublikum und stehen als Akteure in der Mitte der Inszenierung (ebd.).

 

  1. Weihnachtsbaum: Schon im 15. Jahrhundert pflegte man vor allem an Weihnachten die Stube mit Tannenreis zu schmücken. Im 16. Jahrhundert wurde der Baum dann auch mit Süssigkeiten und Schmuck behangen, wobei zwei Brauchübungen zusammenfliessen: zum einen der erfüllbare und zu Gestalt gewordene Wunsch, am Jahreswechsel etwas Grünes im Hause zu haben (blütenlose Zeit bis zum Frühling überbrücken) und zum anderen die Sitte, sich am Jahresende etwas zu schenken (hier mit dem Baum als Gabenträger) (Schwedt et al. 1964).

 

  1. Schenken: Dem Schenken wird in vielen Familien nur eine sekundäre Rolle zugeschrieben. In manchen Fällen wird vor Weihnachten durch Auslosung bestimmt, wer wem ein Geschenk offeriert, was man auch unter dem Begriff „Wichteln“ zusammenfassen kann (Baumann/Hauri, 2008).

 

 

Weihnachtsrituale aus der Sicht von zwei Generationen

1. Essen

«Wir essen eigentlich schon seit immer am Weihnachtsabend Fondue Chinoise. Ich glaube, weil es eine Schweizer Tradition ist, ich kenne es bis heute nicht anders, ich liebe Fondue Chinoise und ich denke es ist nicht schlecht, um es zu koordinieren für die Menge der Leute. Man macht das auch gemeinsam, jemand macht die Saucen, jemand die Beilagen und jemand bringt das Fleisch.» – Mara, 24 J.

«Eine typische Tradition, die wir haben, ist das gemeinsame Abendessen. Meistens gibt es Fondue Chinoise.» […] «Ich denke, dass Fondue eine gute Gemeinschaftsmahlzeit ist, man hat einen gemeinsamer Topf und das sorgt sicher auch für das Zusammengehörigkeitsgefühl.» – Stephanie, 52 J.

2. Rollenverteilung

«Bei uns ist es meistens so, dass die Eltern sich um das Essen kümmern. Als die Grosseltern noch gelebt haben, waren sie einfach Gäste, da sie nicht mehr so gut mithelfen konnten. Aber die ganze Familie hat versucht, etwas zum Fest beizutragen. Die Kinder, also wir, haben ab einem gewissen Alter auch eine helferische Rolle. Da es eine ziemlich grosse Gruppe ist, helfen wir auch mit bei den Vorbereitungen usw. Ich denke aber auch, dass es für die Eltern schön ist, wenn die Kinder dabei sind, das gibt eine gewisse Harmonie.» – Mara, 24 J.

«Die älteren Leute haben meiner Meinung nach einen speziellen Platz. Also in unserem Fall die Mutter meines Mannes. Sie ist der Ursprung/das Oberhaupt, welche die ganze Familie aufgebaut hat. Mein Mann und ich kochen, putzen und bereiten alles vor. Wenn die Kinder am Tag auch schon Zuhause sind, dann helfen sie mit. Früher haben sie dann einfach gespielt. Ich finde es aber einfach schön, dass die ganze Familie zusammen ist und es harmonisch ist.» – Stephanie, 52 J.

3. Weihnachtsbaum

«Bei uns Zuhause gibt es einen Baum, den meine Mutter und ich schmücken.  Er wird aber von meinem Vater und meiner Mutter organisiert. Wir schmücken ihn bunt mit vielen verschiedenen farbigen Kugeln. Ich finde das gibt ein weihnachtliches Feeling und es ist gemütlich im Winter einen Baum Zuhause zu haben.» – Mara, 24 J.

«Die letzten Jahre habe zum Beispiel ich den Baum geschmückt.» […] «Ich hole den Weihnachtsschmuck aus dem Keller, stelle ihn zusammen und wähle aus, welche Kugeln und welche Anhänger ich drantun will. Zum Teil kaufen wir auch noch Weihnachtsschmuck am Weihnachtstag oder auch im Vorfeld so kleine Sachen, die man noch an den Baum hängen will.» […] «Das gefällt mir sehr, ich finde das eine schöne Zeit, wenn man sieht, dass alles festlich ist und die Lichter kommen. Kerzen verbreiten gute Stimmung. Wenn es früh dunkel wird, finde ich es schön, alles mit Lichtern hell zu machen.» – Stephanie, 52 J.

4. Schenken / Wichteln

«Im engen Kreis schenkt jeder jedem was und im grossen Familienkreis wichteln wir. Also jeder zieht einen Zettel und kann sich dann überlegen, was er dieser Person schenken will. Mit dem Geld schauen wir auch, dass nicht zu grosse Unterschiede gibt mit dem Geschenk. Ich finde das gut, weil man dann nicht in einen Einkaufsstress kommt und trotzdem jeder etwas geschenkt bekommt.» – Mara, 24 J.

«In der grossen Familie Wichteln wir. Im Voraus, also ungefähr einen Monat vor Weihnachten machen wir Lose und jeder wird jemandem zugeteilt. Es gibt ein Budget von 50 Franken.» – Stephanie, 52 J.

 

Fazit: Theorie vs. Praxis

Vergleicht man die typischen Schweizer Weihnachtstraditionen aus der Theorie mit jenen, welche im Interview erwähnt werden, so lassen sich einige Gemeinsamkeiten herauslesen. In Bezug auf das Essen wird sowohl in der Theorie als auch in der Praxis die Festspeise Fondue genannt (von beiden Generationen), welche nicht nur die Entlastung der Mutter/Hausfrau gewährleistet, sondern sich auch als geeignete Gemeinschaftsmahlzeit bewährt hat. Bei der Rollenverteilung wird – sowohl von der Kindergeneration als auch von der Elterngeneration – den Eltern die organisatorische Funktion zugeschrieben, welche sich um das Essen kümmern und das ganze Fest vorbereiten. Die Grosseltern erbringen eine traditionelle Funktion, wo sie als Familienoberhaupt oder auch als „Ehrengäste“ angesehen werden. Die Kinder stehen beim Fest im Zentrum und sorgen für Harmonie aber auch für das Familiengefühl. Der Weihnachtsbaum wird sowohl von der jungen als auch von der älteren Generation als „Must-have“ für das Weihnachtsfest angesehen, welcher auch in den dunklen Wintertagen Licht und Freude verbreitet. In Bezug auf das Schenken wird in beiden Fällen die Tradition des Wichtelns gelebt. Beide Generationen sehen dies als eine gute Möglichkeit an, den Liebsten um einen herum eine Freude zu bereiten, ohne in einen grossen Weihnachtsstress zu geraten. Dieses kurze Essay kann also aufzeigen, dass es in diesem spezifischen Fall keine grossen Unterschiede zwischen den Generationen gibt und dass die Traditionen der Theorie auch in der Praxis aufzufinden sind.

 


Quellen und Literatur

Baumann, Maurice/Hauri, Roland, Hg. (2008): Weihnachten – Familienritual zwischen

Tradition und Kreativität. Stuttgart: Kohlhammer.

Schellong, Dieter: Schleiermachers „Weihnachtsfeier“. In: Gajek, Esther/Faber, Richard (1997): Politische Weihnacht in Antike und Moderne: zur ideologischen Durchdringung des Festes der Feste. Würzburg: Königshausen und Neumann.

[LUI 1964] Schwedt, Herbert/Bausinger, Hermann/Schenda, Rudolf/Stein, Elke. Lud      wig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, & Haspelturm Schloss Hohentübingen. (1964). Weihnachten in Vergangenheit und Gegenwart: Aus            stellung des Ludwig-Uhland-Instituts für Volkskunde an der Universität Tübin       gen, 12. Dezember 1964 – 6. Januar 1965 im Schloss (Haspelturm). Tübingen: [s.n.].

Tschofen, Bernhard (2010): Fette Tage – Nährstoffe des Sozialen. Vom Sinn des guten Essen an festlichen Tagen. In: Evamarie Blattner,Sarah Willner (Hg.): Festeformen. Tübinger Feiern von Advent bis Ostern (=Tübinger Kataloge, 90), S. 77-83.

Interview

Mara und Stephanie, durchgeführt am 7.11.2016 und am 12.11.2016.

 

Illustrationen

Aline Spescha.