Catrina Klee

 


Wenn die Nächte immer kälter werden und die Dunkelheit immer mehr den Tag einnimmt, neigt sich das Jahr dem baldigen Ende zu. Diese Dunkelheit schlägt so manchem aufs Gemüt, und während es draussen kalt und ungemütlich ist, sehnt man sich immer häufiger nach heimeliger Wärme und Geborgenheit. Nicht nur heimelige Wärme, auch gemütliches Beisammensein und ausgiebiges Feiern sind gute Mittel, um dem Winterblues zu trotzen. Die Vorweihnachtszeit mit all ihren Festen und Feiern untermalt die Tradition, zum Jahresende hin Bilanz zu ziehen und sich noch einmal zu besinnen, das vergangene Jahr zu reflektieren, Dankbarkeit zu empfinden und Gutes zu tun.

Doch bieten Feste und Feiern in der Vorweihnachtszeit auch gute Gelegenheiten, vom langwierigen Alltag Abstand zu gewinnen und in feierlichem Rahmen zusammenzukommen, in Hülle und Fülle das Leben zu zelebrieren. «Feste tun gut. Sie lassen uns auftanken für den Alltag», schreibt die Theologin Margot Kässmann (2015, S. 12). Das vorliegende Essay widmet sich in diesem Rahmen dem Phänomen der Firmenweihnachtsfeier und dessen Eventisierung, die zurzeit immer grösseren Anklang findet und in populären Medien überspitzt aufs Korn genommen wird.

 


Trailer Office Christmas Party, 2016

Was hier im Trailer zum im Dezember 2016 erscheinenden Film Office Christmas Party so ausufernd dargestellt wird, fällt in der Regel oft weit weniger spektakulär aus. Nicht das ausufernde, chaotische, zerstörerische, Alkohol-getränkte Feiern wird gesucht, vielmehr steht das nicht-geschäftliche Zusammenkommen in speziellem Rahmen im Vordergrund. Zwar wird heutzutage laut Anton Klee (2016), CEO des Beratungsunternehmens atrete AG, von den Angestellten mehr als nur ein gemütliches Abendessen auf Kosten der Firma erwartet, jedoch ist es nie Ziel einer Firmenweihnachtsfeier, die Grenzen des Anständigen zu sprengen. Während im Film die Feier völlig ausser Kontrolle gerät, ist dies in vielen Firmen nicht der Fall. Viel wichtiger sei, so Klee, etwas Anderes, nämlich trotz geschäftlichem Rahmen etwas Nicht-alltägliches mit den Mitarbeitern zu unternehmen und miteinander zu feiern. Etwas Extravaganz, wie sie bei vielen Fest-Ereignissen vorkommt, darf also auch hier nicht fehlen (Dietz 1981). Das Erleben von etwas Aussergewöhnlichem stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und vermittelt den Mitarbeitenden gleichzeitig Dankbarkeit gegenüber der geleisteten Arbeit. Events wie gemeinsames Kochen, ein Bierseminar oder Curling Spielen unterstreichen diese beiden Aspekte. Die Eventisierung der Firmenweihnachtsfeier, die bei vielen Eventorganisationen nachgefragt wird und von diesen betrieben wird, und durch die der jeweilige Anlass zu etwas Besonderem werden soll, findet heutzutage immer größeren Anklang. Der Markt der Firmenweihnachtsorganisation wächst stetig, Angebote und Feiermöglichkeiten werden zahlreicher. Als Organisation hat man die Qual der Wahl: Von gemeinsamem Fondue-Plausch, über Schneeschuhwanderungen bis zu Weinseminaren gibt es alles was das Herz begehrt.

 

Das geschäftliche Zusammensein wird bei einer Firmenweihnachtsfeier durchdrungen von privaten Unterhaltungen; die geschäftliche und private Sphäre schließen sich nicht aus, sie vermischen sich unterbewusst. Der Anlass bietet den Teilnehmenden so die Möglichkeit, innerhalb des geschäftlichen Alltags ins Private überzugehen. Eine Firmenweihnachtsfeier bildet dabei einen Gegenpol zur Welt der Arbeit und des Alltags (Kaltenbrunner 1981). Nun stellt sich die Frage inwiefern sich Firmenweihnachtsfeiern von anderen Firmenanlässen unterscheiden? Die Antwort ist einfach: Sie tun es nicht wirklich. Einzig die Aspekte der Dankbarkeit und des Zurück-Besinnens an das Getane verleihen dem vorweihnachtlichen Firmenanlass etwas Spezielles und unterscheiden diesen von anderen Firmenfeiern. Dazu vermerkt Anton Klee, dass der Anlass in ihrem Geschäft seit diesem Jahr unter dem Begriff Jahresabschlussevent veranstaltet wird. Obwohl es seinen Mitarbeitern wichtig sei, einen solchen Anlass durchzuführen, ist es für sie auch in Ordnung, den Anlass erst im Januar zu begehen. Diese Aussage untermalt die Loslösung des Anlasses von jeglichen religiösen und kulturellen Elementen. Während Weihnachtsfeiern im Familienkreis stark von religiösen und kulturellen Elementen geprägt sind, fallen bei den meisten Firmenweihnachtsfeiern diese Elemente weg. Der Trailer betitelt die Feier treffend als «a nondenominational mixture», als ein nicht-konfessionsgebundenes Zusammenkommen. Der Film spricht damit an, was auch hierzulande gang und gäbe ist: die Konfessionszugehörigkeit spielt bei der Teilnahme an einer Firmenweihnachtsfeier keine Rolle – jeder Mitarbeitende ist willkommen. Man mag nun konkludieren, Firmenweihnachtsfeiern hätten somit nicht mehr wirklich viel mit weihnachtlichen Bräuchen zu tun, doch dies kann negiert werden. Gleich wie beim christlich-bürgerlichen Weihnachtsfest stehen bei Weihnachtsfeiern im Firmenrahmen ebenfalls das Zusammenkommen bzw. das Zusammensein, die Dankbarkeit und die Wertschätzung im Vordergrund. Auch entstammt das Phänomen Office Christmas Party dem christlichen Weihnachtsfest, was somit eine Verbindung beider Festformen offensichtlich macht.

 

Die vier Konstanten, die der italienische Ethnologe Vittorio Lantenari jedem Fest zuschreibt, lassen sich dabei in weitestem Sinne auf beide Festformen anwenden (Hugger 1987). Während Geselligkeit (socialità) und Teilnahme (partecipazione) bei beiden Feiern vordergründig sind, ist Ritualität (ritualità) bei Firmenweihnachtsfeiern eher marginal vorhanden. Der Symbolgehalt von Firmenweihnachtsfeiern liegt dabei am ehesten in der Tatsache, dass diese Feierlichkeit in der vorweihnachtlichen Zeit, in der das Zusammensein allgemein verstärkt zelebriert wird, stattfindet. Die vierte Konstante die sogenannte vorübergehende symbolische Aufhebung der Ordnung (annullamento temporaneo e simbolico dell’ordine), ist dabei eher bei Firmenweihnachtsfeiern, insofern sich die private und geschäftliche Sphäre vermischen und die Mitarbeitenden sich auf Augenhöhe begegnen; die geschäftliche Hierarchie also für eine Zeit ausser Kraft tritt, zu finden, während dieses Merkmal nicht zur Definition des christlich-bürgerlichen Weihnachtsfest beiträgt.

 

Feste und Feiern rhythmisieren das Leben und füllen es mit Sinn, Freude und Abwechslung (Leimgruber 2010). Als wohltuendes Gegengewicht zum oft ermüdenden Alltag können Feste und Feiern unserem Leben Kraft und Ermutigung geben (Kässmann 2015). Nach Aleida Assmann (1989) markiert ein Fest einen Ausnahmezustand und hebt sich vom Hintergrund anerkannter Normalität ab. Diese Abhebung von der Normalität widerspiegelt sich in einer Firmenweihnachtsfeier, denn wie bereits erwähnt, wird von den Teilnehmenden der Feier etwas Spezielles passend zur vorweihnachtlichen Stimmung gewünscht. Im Sinne einer Verdoppelung des Alltages bieten Firmenweihnachtsfeiern den Teilnehmenden eine willkommene Abwechslung zum Alltag, wobei sich Geschäftliches durchaus mit Privatem vermischen kann (Hesslinger, 1997). Wie auch immer man das Phänomen Office Christmas Party betiteln möchte, als junger Traditionsanlass inmitten der stressigen Vorweihnachtszeit hat er nun seit einigen Jahrzehnten seinen festen Platz im Kalender der Firmenanlässe gefunden und bereichert den Geschäftsalltag vieler auf schöne Art und Weise.

 


Literatur und Quellen

Assmann, Aleida. (1989). Festen und Fasten – zur Kulturgeschichte und Krise des bürgerlichen Festes. In: Walter Haug und Rainer Warning (Hg.): Poetik und Hermeneutik – das Fest. München, Fink, 227-246.

Dietz, Heinrich. (1981). Die Extravaganz des Lebens. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hg.): Grund zum Feiern: Abschaffung und Wiederkehr der Feste. München, Herder, 18-32.

Hesslinger, Eva. (1997). Betriebsfeiern als Spiegelbild des Betriebsalltags? Zum Problem der Repräsentation komplexer Settings durch einzelne Kultursegmente. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 93, H.2, 137-168.

Hugger, Paul (1987). Das Fest – Perspektiven einer Forschungsgeschichte. In: Paul Hugger (Hg.): Stadt und Fest: Zu Geschichte und Gegenwart europäischer Festkultur. Unterägeri, W & H Verlag, 19-25.

Kaltenbrunner, Gerd-Klaus (1981). Vorwort des Herausgebers. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hg.): Grund zum Feiern: Abschaffung und Wiederkehr der Feste. München, Herder, 7-17.

Kässmann, Margret (2015). Gastpredigt zum Beginn der Kampagne “feste feiern“. In: Luzius Müller (Hg.): Feste feiern! Warum wir unsere Feiertage haben. Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 12-23.

Leimgruber, Walter. (2010). Feste: Rhythmus des Lebens. In: NIKE- Bulletin 1-2, 11-15.

Office Christmas Party, Official Trailer, Regie: Josh Gordon, Will Speck. Online: https://www.youtube.com/watch?v=AUDFVQsVBU4 (2016).

Interview mit Anton Klee (01.11.16).