Coraline Celiker

 


Wir alle haben ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn wir an den Weihnachtsmann denken. Allerdings ist die eigene Vorstellung abhängig davon, mit welcher lokalen Tradition man aufgewachsen ist. Hier in der Schweiz ist es verbreitet, ihn «Samichlaus» zu nennen und man erwartet «Nüssli» und «Eseli» im Schlepptau. In Amerika jedoch wird ihm der Name Santa Claus gegeben, und er wird von Rentieren durch den Nachthimmel gezogen. Verwirrung scheint dies vor allem bei den Kindern in unseren Breitengraden zu stiften. Handelt es sich dabei um dieselbe Figur, die zweimal kommt? Für die Einen scheint es klare Unterschiede zu geben, wie für meine Interviewpartnerin Aline, die klar unterscheidet zwischen dem «bösen Samichlaus», dem man am 6. Dezember Verse vorträgt, und Père Noel – gleichzusetzen mit dem Weihnachtsmann – der vom 24. auf den 25. Dezember Geschenke bringt. Für andere scheint es jedoch ein und dieselbe Gestalt zu sein, wie ich aus persönlichen Gesprächen erfahren habe. Doch was steckt hinter dem Mann mit dem weissen Bart?

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Nikolaus von Myra: 13. Jahrhundert, Russisches Staatsmuseum.

Es gibt die verbreitete Annahme, dass der Weihnachtsmann alias Santa Claus alias Samichlaus seine Ursprünge in zwei historisch nachweisbaren Bischöfen aus Kleinasien mit demselben Namen findet: Bischof Nikolaus von Myra und Abt Nikolaus von Sion (Becker-Huberti 2001). Ab dem 6. Jahrhundert verschmolzen die Legenden um diese zwei Gottesmänner und man schrieb sie von da an dem Heiligen Nikolaus von Myra zu, dessen Gedenktag noch heute auf den 6. Dezember datiert wird. Die Legenden erzählen von einem gutherzigen, grosszügigen Mann, der sich für die Armen und Schwachen einsetzte und sogar Toten wieder Leben einhauchte (von Gunten 2009; Witzmann et al. 2012).

So entwickelten sich verschiedenste Bräuche um den Heiligen Nikolaus, die an seinem Namenstag stattfanden. Einer dieser Bräuche, zur Ehrung seiner Grosszügigkeit, bestand darin Kindern heimlich Geschenke wie Äpfel, Nüsse und Spielzeug zu machen (Witzmann et al., 2012). Im Zuge der Reformation wurde die Heiligenverehrung unterbunden und es wurde üblich, nunmehr am 25. Dezember zu bescheren, und an Stelle des Nikolaus als Gabenbringer wurden die Kinder vermehrt im Namen des Heiligen Christi beschenkt. Die Bräuche um den Heiligen Nikolaus verschwanden zwar nicht gänzlich, da die Gegenreformation die katholischen Bräuche wieder zu stärken versuchte, jedoch wurde er nun in einigen Gebieten durch andere Figuren, wie zum Beispiel Knecht Ruprecht oder Krampus ersetzt oder von diesen begleitet (Witzmann et al. 2012).

Allmählich vermischten sich seine Charakterzüge, seine Darstellung und sein Name mit denen seiner Begleiter, und Sankt Nikolaus verlor seine religiöse Bedeutung mehr und mehr (Witzmann 2012). Der Begriff Weihnachtsmann wurde weitgehend um 1840 durch das Lied Morgen kommt der Weihnachtsmann von Hoffmann von Fallersleben bekannt (von Gunten 2009).

Ab dem 18. Jahrhundert ist in einigen Gebieten ein Einkehrbrauch nachweisbar, bei dem die unartigen Kinder, im Sinne einer schwarzen Pädagogik, nicht Geschenke, sondern Strafen vom bösen Begleiter des Nikolaus, wie z.B. Knecht Ruprecht, zu erwarten hatten (Witzmann et al. 2012). Dies ist dem Brauch vom Samichlaus und dem Schmutzli sehr ähnlich, der heute noch in der Schweiz ansässig ist. Obwohl heute zwar keine Kinder mehr bestraft werden, kehrt der Samichlaus immer noch mit dem goldenen Buch und dem Eseli in den Häusern der Schweizer Familien ein. Aber auch andere Nikolaus-Bräuche, wie zum Beispiel das Chlausjagen werden in der Schweiz noch rege praktiziert (von Gunten 2009).

‘Merry Old Santa Claus’: Thomas Nast, 1881, aus späteren Jahren.

‘Merry Old Santa Claus’: Thomas Nast, 1881, aus späteren Jahren.

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Ausschnitt, „A Visit from St. Nicholas“, Clement Clark Moore zugeschrieben.

 

 

 

 

 

 

 

 
Als verschiedenste Auswanderer aus europäischen Ländern den Brauch des Heiligen Nikolaus nach Amerika brachten, entwickelte sich die Figur immer weiter und es bildeten sich neue Geschichten um den gutherzigen bärtigen Mann, der nun aus dem hohen Norden kam. Weit bekannt wurde er dort durch den deutschen Einwanderer Thomas Nast, der ihn nach dem Gedicht A Visit from St. Nicholas, von Clement Clark Moore aus dem Jahr 1822, illustrierte. Bereits damals glich der Weihnachtmann einem gütigen, Pfeife rauchenden Zwerg mit langem, weissem Bart, der mit seinen Rentieren über die Häuserdächer fliegt (Witzmann et al. 2012).

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„Heute übliche Darstellung des Weihnachtsmanns“, Wikipedia, Bild: Jonathan Meath, 2010.

Die Darstellung des Santa Claus, so wie wir ihn heute kennen, in seinem leuchtenden Rot, ist dem Illustrator Haddon Sundblom zu verdanken, der den amerikanischen Santa Claus für Coca Cola 1931 weltweit bekannt machte (Witzmann et al., 2012). Die   weitverbreitete   Annahme, dass Coca Cola den Weihnachtsmann erfunden hätte, ist damit wohl widerlegt. Dennoch trug Coca Cola sicherlich zu seiner weitläufigen Verbreitung bei.

Denn so schwappte der Kult des Santa Claus oder auch Weihnachtsmannes durch Werbung, Film, Fernsehen und Literatur in seiner ganzen Pracht und mit all seinen Weiterentwicklungen wieder nach Europa und in die Schweiz über (Belk, 1993). Es begann erneut eine Vermischung von verschiedenen Bräuchen und Geschichten um den Mann mit dem weissen Bart, die die Kinder und auch die Erwachsenen in der Schweiz bis heute zu irritieren scheint.

 


 

Quellen und Literatur

Becker-Huberti, Manfred: Feiern – Feste – Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau, 2001.

Belk, Russell W.: Materialism and the Making of the Modern American Christmas. In: Daniel Miller (Hg.): Unwrapping Christmas, Clarendon Press, Oxford, 1993.

Von Gunten, Fritz: O du fröhliche – Prosit Neujahr!: Brauchtumsvielfalt in der Winterkulturlandschaft Schweiz, Huttwil : Druckerei Schürch, 2009.

Witzmann, Nora, Butterweck, Dagmar, Pallestrang, Kathrin, & Österreichisches Museum für Volkskunde. Weihnachten – noch Fragen? (Vol. Bd. 97, Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde). Wien: Österreichisches Museum für Volkskunde, 2012.

Interview, Aline Pulver, 4. November 2016

 

Abbildungen

Abb. 1 : Nikolaus von Myra: 13. Jahrhundert, Russisches Staatsmuseum.

Abb. 2: «Merry Old Santa Claus»: Thomas Nast, 1881, aus späteren Jahren.

Abb. 3 :   Handgeschriebenes Manuskript mit Ausschnitt aus «A Visit from St. Nicholas», Clement Clark Moore zugeschrieben, vor 1863.

Abb. 4: «Heute übliche Darstellung des Weihnachtsmanns», Wikipedia, Bild: Jonathan Meath, 2010.