Daniela Ackermann

 


Bereits seit Jahrhunderten werden Geschenke zur Stärkung von sozialen Beziehungen genutzt. Man könnte also sagen, dass ein Tauschhandel stattfindet, bei dem eine (meist materielle) Gabe gegen Macht, Moral oder soziale Verbundenheit getauscht wird (vgl. Berking, 1996). Historisch betrachtet, waren Gaben auch eine Form der Präsentation der eigenen Reichtümer und wurden somit auch als Ausdruck von Macht und Prestige angesehen (Schmied, 1996). Die Praktik des Schenkens war jedoch bis zu einem gewissen Grad den Feudalherren und der allgemeinen Oberschicht vorbehalten (ebd.). Denn nur wer nicht seinen ganzen Besitz benötigt, um den Lebensunterhalt zu finanzieren, kann etwas davon abgeben. Erst durch den wachsenden Wohlstand war es dem aufstrebenden Bürgertum möglich, eine moderne Praktik des Schenkens zu entwickeln (ebd.).

Man kann also das Geschenk, im kulturwissenschaftlichen Sinne, nicht nur als reinen Ausdruck des guten Willens betrachten. Der Schenkende erwartet einen gewissen Nutzen vom Schenken und verfolgt somit nicht bloss den Zweck, dem Beschenkten eine Freude zu machen, wie das heute gerne beschrieben wird.

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Wie sieht nun die zeitgenössische Sicht auf das Schenken aus, und was erhoffen sich die Beteiligten davon? Im Rahmen dieses Beitrags wurden zwei Interviews mit zwei Personen durchgeführt, welche in ihren jeweiligen Familien die Weihnachtstraditionen sehr unterschiedlich kennenlernten. Die Befragten wurden unter anderem gefragt, wie die Tradition des Geschenkeüberreichens an Weihnachten in ihrer Familie aussieht. Einer der Befragten antwortete, dass sie in der Familie versuchen, sich nichts Materielles zu schenken. Die Familie hat sich bewusst gegen das traditionelle (materielle) Schenken entschieden. Gründe dafür sind der hohe Stressfaktor in der Vorweihnachtszeit und auch die Schwierigkeit, sinnvolle und zugleich nutzbare Geschenke für jeden zu finden. Dies ist interessant, da es offensichtlich Leute gibt, die die Tradition als Zwang empfinden. Beide Befragten erkennen und kritisieren den gesellschaftlichen Druck, der an Weihnachten herrscht. Jeder kennt wohl die Situation, bei der man von einer Person ein Geschenk erhält und dabei die Geste nicht erwidern kann. Eine solche Situation führt oft nicht nur zu einer peinlichen Situation, sondern auch zur Schädigung der Beziehung zwischen den Personen. Daraus schliessen wir also, dass ein Geschenk mit der Erwartung verbunden ist, wiederum beschenkt zu werden. Hierbei ist es, laut den Interviews, mehr oder weniger gleichgültig, ob es sich dabei ebenfalls um ein materielles Gut handelt oder um eine andere Art der Wertschätzung. Durch die erfahrene Anerkennung können zwischenmenschliche Beziehungen gestärkt werden. So könnte man sagen, dass es möglich ist, materielle oder immaterielle Güter gegen soziale Beziehungen einzutauschen. Mit anderen Worten; es handelt sich tatsächlich um einen Tauschhandel, wie Berking in seiner Anthropologie des Gebens schreibt.

In diesem Tauschhandelsprozess möchten alle Beteiligten profitieren. Auch wenn dies nicht als einziges Motiv genannt wird, so ist es doch als ein möglicher Grund festzuhalten. Es gibt viele Möglichkeiten Wohlwollen, Freundschaft oder Anerkennung auszudrücken. Man könnte jedoch sagen, dass die Praktik des Schenkens eine der einfachsten und effektivsten Mittel ist, um Beziehungen zu kräftigen. Dass diese Praktik in der Weihnachtszeit besonders populär ist, hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leute in dieser besinnlichen Zeit einander besonders wohlgesonnen sind – oder Weihnachten einfach als kulturell vorgegebenen Anlass nehmen, wieder einmal aneinander zu denken.

 


Literaturverzeichnis:

Berking, Helmuth. Schenken. Zur Anthropologie des Gebens. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1996.

Schmied, Gerhard. Schenken. Über eine Form sozialen Handelns. Opladen: Leske und Budrich, 1996.

 

Abbildung: 

Geschenk: Daniela Ackermann (2016).