Lara Martucci

 


 

 Abb.1: «Hurry. Buy more stuff. Confuse everyone.»: Sarkastische Protestplakate gegen Konsum an Weihnachten.

Abb.1: «Hurry. Buy more stuff. Confuse everyone.»: Sarkastische Protestplakate gegen Konsum an Weihnachten.

Weihnachten ist allgemein bekannt als die umsatzstärkste Zeit des Jahres. Im Jahr 2014 wurden im deutschen Einzelhandel an Weihnachten 85 Milliarden Euro umgesetzt. 2015 war der Umsatz sogar nochmals 2 Milliarden höher, also bei 87 Milliarden. Für 2016 wird eine erneute Steigerung auf 91 Milliarden Euro erwartet (Statista). Doch woher kommt diese erhöhte Konsumwilligkeit an Weihnachten? Schenken ist nicht nur Sache der Wirtschaft, obwohl diese ohne Frage an Weihnachten äusserst vom Brauch des gegenseitigen Beschenkens profitiert. Schenken ist gleichzeitig auch eine Form des sozialen Handelns (Stephan 2010). Wie mein themenzentriertes Interview bestätigte, das ich mit meiner Mutter zum Thema Schenken und Familie geführt habe, sind Weihnachten und das Beschenken an Weihnachten soziale Praxen, in denen zwischenmenschliche Beziehungen gepflegt werden. Meine Interviewpartnerin brachte zum Ausdruck, dass Weihnachten mit all seinen Facetten ein traditionelles Fest mit der Familie sei, welches man aus der Kindheit kennt und schon immer gefeiert hat. Schenken wäre einfach schon immer da gewesen und werde dazu genutzt, Anderen eine Freude zu machen (Interview Elke Martucci).

Meine Interviewpartnerin äusserte sich jedoch auch auffallend oft ziemlich negativ zum Phänomen Schenken. So erwähnte sie auch, dass es nicht mehr einfach wäre, Leute zu beschenken. «Früher hatten die Leute wirklich noch Wünsche. Heute haben die Leute keine Wünsche mehr. […] Heute geht’s nur noch um Konsum, Konsum, Konsum» (Interview 2016). Diese Antwort scheint auf den ersten Blick überraschend, wenn man bedenkt, dass der Markt und das Angebot an Produkten, vor allem an Weihnachten, immer mehr anwächst. Doch genau darin liegt der Geist der Konsumgesellschaft. Laut Mario Stephan sieht unser Wirtschaftssystem das Wirtschaftswachstum als wichtigster Indikator für die Messung des gesellschaftlichen Wohlstands. «Das System einer Konsumgesellschaft ‹verlangt›, selbst immer weiter zu wachsen» (Stephan 2010, S. 80). Dieses ständige, scheinbar unersättliche Wachstum ist an Weihnachten offensichtlicher zu bemerken als im Rest des Jahres.

Für meine Interviewpartnerin stösst dieses Wachstum jedoch an seine Grenzen: «[…] es gibt ein Überangebot» (Interview Elke Martucci). Das Überangebot führt dazu, dass man eher unnütze Geschenke kaufe, einzig aus dem Grund, damit man etwas gekauft habe, wie sie weiter meint. Möglicherweise lässt sich darauf auch zurückführen, weshalb meine Interviewpartnerin mehrmals erwähnte, dass sie Weihnachten als stressvoll empfinde. Durch die gesellschaftliche Inszenierung von Weihnachten, die heutzutage mehr denn je stattfindet, fühlt sie sich «manchmal zu Weihnachten gezwungen» (Interview Elke Martucci). Sie hat selbst das Gefühl, sie muss etwas schenken.

Ist Schenken also ein Muss? Es liegt in der Erwartungshaltung vieler Menschen, an Weihnachten Geschenke zu erhalten und zu verschenken. Der Markt hat schon früh dieses Potenzial entdeckt und nutzt es heute immer verstärkter aus. Doch offenbar hat diese Ausnutzung nun langsam ein Ende. So, wie auch meine Interviewpartnerin genervt ist von der aggressiven Werbung und der Anpreisung an Weihnachten, so sind es auch einige andere. Als ich meine Interviewpartnerin danach fragte, vertrat sie eine klare Position: «Weihnachten ist nicht mehr so gemütlich wie früher. Man hat die Gemütlichkeit rausgenommen. Man müsste Weihnachten wieder entschleunigen [sic] und entkonsumieren [sic]. Dann wäre es vielleicht wieder besinnlicher» (Elke Martucci).

Diese Idealvorstellung über Weihnachten wie es auch zukünftig wieder sein sollte, beschuldigt einerseits den Konsum und die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, Weihnachten zu «entsinnlichen». In dieser Lesart würde es vielleicht helfen, sich wieder mehr auf das traditionelle Weihnachtsfest zu konzentrieren. Das Problem liegt jedoch darin, dass auch das Beschenken an Weihnachten eine lange Tradition hat. Man könnte also argumentieren, dass Weihnachten und Beschenken schlichtweg zusammengehören und dass auch das Schenken seine Tradition und somit seine Legitimation hat. «Irgendwo gehört’s dazu, weil es schon immer so gewesen ist», wie meine Interviewpartnerin ergänzt.

Ich persönlich glaube, die Schwierigkeit des Themas «Schenken» an Weihnachten liegt an dessen gegenseitigen Ausprägungen. Weihnachten möchte einerseits ein besinnliches Fest sein und ist gleichzeitig auch die verkaufsstärkste Zeit des Jahres. Tradition und Konsum sind jedoch Gegensätze, die niemals vollkommen miteinander vereinbart werden können. Das Schenken an Weihnachten kann und wird wohl niemals vollständig von der Vorstellung eines idealen Weihnachtsfestes gelöst werden können.

 


Literatur und Quellen

Stephan, Mario. (2010). Geschenkt! Vom Schenken und seinen gesellschaftlichen Zwängen in der Konsumgesellschaft (Vol. Band 31, Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag. Reihe Sozialwissenschaften). Marburg: Tectum Verlag.

Statista. Das Statistik-Portal: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2750
/umfrage/weihnachtsumsaetze-des-einzelhandels/ [Abgerufen am 15.11.2016; o.A und o.J].

Weihnachten – Kultur und Konsum: https://www.youtube.com/watch?v=3snkngOi1dw

Interview mit Elke Martucci, 55 Jahre (06. Nov. 2016).

 

Abbildungen

Bild 1: Hurry! Buy more stuff, Seattle USA, aufgenommen am 02.12.10, https://www.flickr.com/photos/jbhthescots/5227664185 (CC BY 2.0; 7.12.2016)

Bild 2: Weihnachten in der Ernst-August-Galerie Hannover, Hannover DE, aufgenommen am 05.12.09, https://www.flickr.com/photos/markunti/4160770968 (CC BY-NC-SA 2.0; 7.12.2016)