Lee Wolf

 


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Andrew Bond – Zimetstern

Wird bei uns zuhause gebacken, schlägt einem beim Eintreten ins Haus statt der Eiseskälte des Winters der Duft von frisch gebackenen Plätzchen entgegen. Obwohl es jedes Jahr dieselben Düfte, dieselben Ausstechformen und dieselben Sorten sind, die gebacken werden, erfüllt mich das Ganze immer wieder aufs Neue mit Glück. Ja, riechen tut es immer gut in der weihnachtlichen Backstube. Aber was steckt eigentlich hinter dem Ganzen? Kann das «Guätzlä» in der Familie als weihnachtliche Tradition gedeutet werden? Ich nehme Sie, liebe LeserInnen, mit auf eine kurze Schlittenfahrt, in der wir ergründen werden, was es mit diesem Ritual auf sich hat.

Die erste Station wirft uns zurück in die Vergangenheit. Zwar warten heutzutage die meisten Familien mit dem Guätzlä noch bis zum Dezember, die Läden verkaufen die Kekse jedoch schon oft kurz nach Halloween, dem 31. Oktober. Dies ist ein neueres Phänomen. Dasselbe gilt auch für die Angewohnheit, viele verschiedene Sorten auf einmal zu backen. Dies kam den Familien und Bäckern von früher gar nicht erst in den Sinn. «Ursprünglich nämlich war jede Art von Advents- und Weihnachtsgebäck an einen besonderen Kalendertag gebunden, und jede Zeit und jede Landschaft hatten in den zurückliegenden Jahrhunderten ein besonderes Advents- und Weihnachtsgebäck hervorgebracht.» (Düvel 2013, S. 16) Beispielsweise wurde der sächsische Weihnachtsstollen – er sollte in seiner Form an das eingewickelte Christkind erinnern – erst am 28. Dezember verzehrt. Dieses Datum markierte nämlich den Tag des unschuldigen Kindleins. Ein anderes Beispiel sind die beliebten Spekulatius: Auf deren Genuss mussten die Kinder bis zum Nikolaustag am 6. Dezember geduldig warten (Düvel 2013). Nach Erhard Düvel wurden die verschiedenen Leckereien erst Mitte des 20. Jahrhunderts zeitlich nebeneinander hergestellt. Grund dafür sind die Industrialisierung und Technisierung des Landes, die das Ende der Erntebräuche bescherten und das Backen von Kalendertag und Landschaft unabhängig machten.

Nun wollen wir aber die historischen Aspekte hinter uns lassen und in die gute Backstube eintreten. Fahren wir also weiter und hören uns an, welche persönliche Bedeutung das Guätzlä haben kann.

 

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Guetzli

Beim Eintreten in die Backstube werden wir von meinem Vater, Urs Wolf, herzlich begrüsst. Er ist der Meisterbäcker in unserem Haus. Jedes Jahr zaubert Urs für uns haufenweise Kekse, vernascht selber aber auch gut und gerne einen Grossteil davon. Schon als Kind, sagt er, habe er seinen Eltern beim Ausstechen geholfen und von da an hätte ihn diese Tradition bis heute begleitet. Es ist die einzige Tradition, die er jährlich, mit viel Liebe und Leidenschaft, pflegt. Was Urs zu einem so beispielhaften Guetzlibäcker macht, ist die Tatsache, dass er nicht nur einmal, sondern sogar zweimal in der Vorweihnachtszeit Guetzli bäckt. Das erste Mal bäckt er kurz vor dem «Samichlaustag» am 6. Dezember, da dies aber seiner Meinung nach nicht ausreiche, stellt er, zur allgemeinen Begeisterung, vor Weihnachten nochmals einen zweiten Schub Weihnachtsgebäck her. Für ihn läutet das Backen die Weihnachtszeit ein; das Guätzlä bedeutet ihm mehr, als das Schenken oder das Christbaumschmücken. Dieser Aspekt manifestiert sich in seinen Aussagen:

«Aber das Guetzlibachä möchte ich nicht missen. […] Und ja, auch ein gewisses Ritual, ich habe sehr wenige Rituale, aber das ist fast ein bisschen ein Ritual. Ja so eine Einstimmung […] Und das habe ich immer mehr. Früher war mir das nicht so wichtig, es war einfach eine Tätigkeit von vielen, aber jetzt finde ich es irgendwie lässig.»

Gefragt, ob er bezüglich den Ausstechformen Favoriten habe, sprudelt es nur so aus ihm heraus:

«Also ich habe so etwa meine fünf bis zehn Lieblinge und dann muss ich es noch abrunden mit Sachen, die s’Mami gern hat. S’Mami hat gern grosse, zum Beispiel ein großer König oder das Kamel. Aber diese sind bei den Mailänderli insbesondere sehr schwierig, weil sie in der Form nicht halten […] Für Brunzli mag ich Möndli, Herzli, komische Blüemli, für Mailänderli […] ah ein grosses Säuli, ein kleines Männli, den Tannenbaum, Komet, Walfisch, das sind so diese.[…] Und bei den Schweizerkreuzen bin ich amigs ein bisschen sparsam (lacht).»

Formen wie Monde oder Hörnchen entspringen den früheren Opferbeigaben und untermalen den Ursprung des Guetzlibackens in heidnischen Bräuchen. Diese Formen sollten in ihrem Aussehen dem Dämonenabwehrenden Zeichen der Mondsichel ähneln (Richter 2011).

Nach dieser gemütlichen Schlittenfahrt können wir feststellen, dass das Backen von Keksen in der Vorweihnachtszeit durchaus als Tradition bezeichnet werden kann. Bestätigt wird dies nicht nur durch die Tatsache, dass es in den Läden jedes Jahr neue Ausstechformen und Rezeptbücher zu kaufen gibt. Auch das eifrige Treiben meines Vaters in der Küche an einem frühen Dezembermorgen lässt mich alle Jahre wieder die Vorfreude auf Weihnachten spüren und daher stellt das Plätzchen-Backen für mich einen wichtigen und kennzeichnenden Teil der Vorweihnachtszeit dar.


 

Quellen und Literatur

Düvel, Erhard. (2013). Deutsche Weihnacht ohne Grenzen. München: DSZ-Verlag. S. 16–21.

Richter, Günther. (2011). Feste und Bräuche im Wandel der Zeit : Kirmes, Kürbis und Knecht Ruprecht. Bielefeld: Luther-Verlag, S. 244–253.

Interview mit Urs Wolf (15.11.16).

 

Abbildung

«Guetzli» (Foto: Lee Wolf, Zürich, 08.12.2016).