Lilian Huber

 


Der Duft von frisch gebackenen Keksen mischt sich mit dem ebenso süssen Glühweinduft und im Ofen brutzelt der Truthahn, die Küche ist überfüllt mit verschiedensten Leckereien, Kartoffeln die noch geschält werden müssen, viel buntes und frisches Gemüse, ungeöffnete Pralinenschachteln liegen auf dem Esstisch, frisches Brot, Zopf und verschiedenstes Gebäck steht auf jeder Fläche – der Kühlschrank kann kaum geschlossen werden: Eier für das grosse Frühstück, Aufschnitt, Lachs und daneben der grosse, liebevoll dekorierte Weihnachtskuchen. Kinder, die immer wieder an den Erwachsenen vorbeischleichen um eine Kleinigkeit zu naschen … Und Erwachsene, die ebenso fröhlich an dem guten Rotwein nippen und die Zeit bis zum grossen Festessen mit kleinen Häppchen versüssen.

 

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«Kommt herein, ihr guten Leute, ihr seid alle meine Gäste, seid willkommen hier beim Feste, scherzt und lasst uns fröhlich sein! Führt sie alle nun zum Tanze, denn auf reichgedeckten Tischen lockt das Mahl» (W. A. Mozart: Don Giovanni).

 

Zu Weihnachten gehört das Weihnachtsessen. Diese Mahlzeit mag bei jeder Familie anders aussehen, doch sie ist unbestreitbar eines der Highlights des Festes. Am schön geschmückten Esstisch sitzt die ganze Familie beisammen und geniesst ein besonderes und üppiges Mahl – Kinder, Enkelkinder, Grosseltern und Freunde werden eingeladen um gemeinsam zu feiern. Doch wer lädt ein? Und wer zahlt für die besondere und aufgrund dessen meist auch teure Mahlzeit? – So unromantisch diese Frage sein mag, so interessant ist sie auch. Wie wird das von der Person, die einlädt, empfunden? Wie empfinden es die Gäste? Ist das Essen ein Geschenk? – Darüber habe ich mit meiner Mutter Magdalena Huber gesprochen, die zur Qualität des Essens ausführt:

«Ja. Es geht auch darum was wir kaufen, also meistens ist es auch schönes Essen, wie soll ich sagen, hübsch verpackt, wir haben auch meistens so einen Weihnachtskuchen, den bestellen wir. Das ist sicher ein Geschenk für meine Gäste. Auch im Hotel ist das ein Geschenk, wir laden da ja auch ein, die Kinder und vielleicht ihre Partner. Ja das Essen ist ein Geschenk.»

Und die Gäste, die Kinder, Enkelkinder, Freunde und Verwandten? Sie backen Kekse und andere Leckereien, kaufen schön verpackte, teure Schokolade, bringen guten Wein mit zum Essen oder sogar einen Champagner – somit basiert auch das Schenken des Weihnachtsessens auf Reziprozität, auch wenn dies von dem Gastgeber nicht unbedingt so beabsichtigt war.

«Ein solches selbstloses Verhalten ist natürlich auf der Analyseebene schwer nachzuvollziehen, zumal ja nicht das Geschenk oder ein Tauschäquivalent im Vordergrund steht, sondern die Beziehungsebene wohl am Relevantesten ist. Dies meint, dass die Tradition dies so vorsieht, einfach eine Freude bereitet werden soll oder die Eltern oder Grosseltern ihre Kinder bzw. Enkel an sich binden wollen.» (Stegbauer 2010, S. 76f).

Magdalena Huber betont in dem Interview ebenso, dass diese kleinen (oder grösseren) Mitbringsel keinesfalls von ihr erwartet werden, doch sie sich natürlich trotzdem sehr darüber freut. Sie gebe sich Mühe und findet es sehr schön, wenn ihre Gäste dies zu schätzen wissen und sich mit selbstgebackenen Keksen oder anderen Leckereien bei ihr für die Einladung bedanken.

huber_lilian_kekse_fuer_die_verwandtenFür die Gäste ist es meist eine Selbstverständlichkeit: Zu einer Einladung mit leeren Händen aufzutauchen, erscheint den meisten als undenkbar, natürlich erst recht zu Weihnachten. Somit kann sich das eigentliche Weihnachtsgeschenk und das Essen vermischen und zu einem werden. Dies mag wohl aber im Sinne aller Beteiligten liegen und einem grossen, vielleicht sogar mehrtägigen Festmahl steht nichts mehr im Wege.

 

 


Quellen und Literatur

Stegbauer, C. (2010). Reziprozität: Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. Springer-Verlag.

W. A. Mozart: Don Giovanni zit. nach Barlösius, E. (1999). Soziologie des Essens. Juventa Verlag.

 

Interview mit Magdalena Huber (11. November 2016).

 

Abbildungen

Abb. 1: Cupcakes für die Verwandten, von Lilian Huber, Weihnachten 2015.

Abb. 2: Kekse für die Verwandten, von Lilian Huber, Weihnachten 2015.