Liridona Ismaili

 


Wenn die Vorweihnachtszeit ihr Ende findet und Weihnachten mit dem verlockenden Duft von Weihnachtsgebäck, dem warmen Glühwein und den brennenden Kerzen endlich im trauten Heim zu fühlen ist, dann beginnt das älteste soziale Element jeder grossen Festzeit: das gemeinsame Essen (Felsch & Weiss 2005). Dieses Essay behandelt das Weihnachtsessen in kulturgeschichtlicher Perspektive sowie die Sinnes- und Gefühlsnormierungen an Hand zweier Interviews mit zwei jungen Erwachsenen. Wie unterschiedlich Weihnachten aufgefasst werden kann, verdeutlicht sich in den persönlichen Ritualen und Vorstellungen der beiden interviewten Frauen. Allem voran steht die These, dass der Brauch des gemeinsamen Essens, unabhängig von religiösen Überzeugungen, das Herzstück von Weihnachten ist.

Das Weihnachtsessen – kulturgeschichtliche Perspektiven

Das Weihnachtsfest war im Grossen und Ganzen bis zur Reformation ein Fest, das öffentlich und in der Kirche gefeiert wurde. Mit dem Protestantismus fand allmählich eine Verschiebung des Weihnachtsfestes von der Kirche in die Häuser der Familien statt. So wurden die Familien selbst zum Inhalt des Festes (Witzmann et al. 2012, S. 21, 31). Ein üppiges Festmahl zu servieren ist laut Literatur seit dem Mittelalter üblich. Erklärungen für das Festmahl lassen sich auf religiöser Ebene und auf ökonomischer Ebene finde. Das Weihnachtsmahl an den Festtagen beendete einen Fastenmonat, die Adventszeit. Der Schlachttag vor den Feiertagen war auch aus ökonomischen Gründen sinnvoll. Oft waren es die Gänse, die zu Winterbeginn geschlachtet wurden, um nicht zu viele von ihnen durch den ganzen Winter füttern zu müssen. Der Verzehr ‚typischer‘ Weihnachtsgerichte, wie Braten, Gans, Karpfen und Würste, richtete sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem nach der Verfügbarkeit und Verderblichkeit der Lebensmittel (Tschofen 2010). Welchen kulinarischen Wandel die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorzuweisen hat, zeigt der kurze Ausschnitt von SRF Volkskultur „Weihnachtsstube“.

 

 

Weihnachtsessen zwischen Tradition und Neuerfindung

Die alte Tradition der weihnachtlichen Gans am Heiligabend besteht weiterhin in den Vorstellungen eines traditionellen Weihnachtsessens. Heute wird sie jedoch häufiger von Fondue, Raclette, Ente, Truthahn, kalten Platten und vegetarischen Gerichten in allerlei Variationen abgelöst. Um der Frage auf den Grund zu gehen, was heute unser traditionelles Weihnachtsgericht darstellt, muss sich jeder Einzelne fragen, was er oder sie selbst an Heiligabend oder am Weihnachtsabend konsumiert. Eine allgemeingültige Antwort lässt sich in unserer Zeit des überfliessenden Warenangebots nur schwer formulieren. Zudem sind Traditionen dynamisch, in ständiger Modernisierung und weniger fest, als es das kulturelle Konstrukt «Brauch» vermuten lässt.

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist es interessanter, nach der Funktion des traditionellen Festessens zu fragen. Der Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen rezipiert hierfür die Behauptung des Kultursoziologen Georg Simmel: «[…] die Bedeutung der feiertäglichen Essensrituale [liegt] vor allem in der Bestätigung von Familienzusammenhalt und gesellschaftlichem Status» (Tschofen 2012, S. 82). Die Analyse der Interviews untermauert mit einigen Punkten diese kultursoziologische Behauptung. Auf persönlichen Wunsch erhalten beide Interviewpartnerinnen Pseudonyme, Eva und Maria. Während Eva, 26jährig, katholisch ist und fast alle weihnachtlichen Rituale pflegt, ist Maria, 25jährig, atheistisch und praktiziert nur einzelne Bräuche (Weihnachtsbaum, Festmahl, Geschenke). In Evas Familientradition wird alljährlich ein spezielles Festmahl gemeinsam als Familie zubereitet. Anders als bei ihr, bekocht Marias Vater jedes Jahr die Familie mit einem traditionellen Truthahn.

In den volkskundlichen Kulturwissenschaften wurde das Phänomen des selektiven Herauslesens von einzelnen Bräuchen treffend beschrieben: «Wir kennen zwar noch all diese Rituale und Zutaten des Festes, doch können [sic] wir sie nur, wir müssen [sic] sie nicht mehr gebrauchen“ (Kaschuba 2012, S.181). Meine Hypothese in Bezug auf das selektive Herauslesen lautet, dass das Ritual des Essens aufgrund der allgemein vermittelten Werte wie Liebe, Zusammenhalt und Altruismus herausgepickt wird. Folgende Zitate aus den Interviews bestätigen den besonderen Charakter des Weihnachtsessens im Rahmen der Familie:

«Bei uns ist immer so – wir kochen eigentlich immer mega speziell. Das ist noch heute so. Das ist auch schon immer so gewesen, weil halt alle mega gern kochen und mega speziell kochen. Aber wir tun immer- also wir helfen uns immer gegenseitig.“ (Eva)

«Und meistens ist es wirklich so, dass wir bis lange spät am Abend zusammen sitzen. […] Das Zusammensitzen ist schön (Pause) Ist das Highlight eigentlich.» (Eva)

«Meine Familie ist atheistisch. Wir glauben nicht an Gott und ähm-. Das, was ich so cool an Weihnachten finde, ist– es ist nicht mehr so ein katholischer Brauch. Es ist etwas, das uns etwas bindet als Menschen, es erinnert uns daran, dass andere Menschen genauso gern Truthahn essen wie wir. (lacht) Egal was für eine Religion sie haben.» (Maria)

Zu wissen, dass die Rituale auf Tradition beruhen, verleiht dem familiären Zusammenhalt zusätzliche Legitimität. Während die Tradition als etwas Wandelbares zu verstehen ist, so bleiben Werte, besonders zu dieser Jahreszeit, konstant und unabhängig von feiertäglichen Ritualen.

 

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Abb. 1 u. 2: Weihnachtsbaum und Truthahn am Weihnachtsessen.

 


Quellen und Literatur

Felsch, Claudia & Weiss, Annekatrin (2005). Die Kulturgeschichte des Weihnachtsessens. [Studienarbeit] Norderstedt: GRIN.

Kaschuba, Wolfgang (2012). Einführung in die europäische Ethnologie. [4.Auflage] München: C.H. Beck. S.168–182.

Tschofen, Bernhard (2010). Fette Tage – Nährstoffe des Sozialen? Vom Sinn des guten Essen an festlichen Tagen. In: Blattner, E.; Willner, S. (Hrsg.). Feste formen. Tübinger feiern von Advent bis Ostern. Tübinger Kataloge, 90. S.77–83.

Witzmann, Nora, Butterweck, Dagmar, Pallestrang, Kathrin, & Österreichisches Museum für Volkskunde. (2012). Weihnachten – noch Fragen? (Vol. Bd. 97, Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde). Wien: Österreichisches Museum für Volkskunde.

 

Interview 1, Eva (Pseudonym), 09.11.2016.

Interview 2, Maria (Pseudonym), 15.11.2016.


Medien

Video: SRF Weihnachtsstube Archiv: Weihnachtsessen, online: http://www.srf.ch/play/tv/volkskultur/video/srf-weihnachtsstube-archiv-weihnachtsessen?id=9ed7dc98-d24e-42ee-b28a-9b255eb1719a (08.12.2016; mit freundlicher Genehmigung des SRF).

Bild 1: Weihnachtsbaum, persönliche Bildsammlung von Maria (25.12.2015).

Bild 2: Truthahn, persönliche Bildsammlung von Maria (25.12.2015).