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Jede Kultur hat jeweils ihre eigene Vorstellung darüber, wie Weihnachten «traditionell» gefeiert wird. Besonders im Rahmen der Familienweihnachtsfeier kommen diese Traditionen zur Geltung, denn die meisten möchten Weihnachten so feiern, wie sie es bereits als Kind erlebt haben und die Bräuche auch an ihre eigenen Kinder weitergeben. Was ist jedoch, wenn die Eltern in der Familie nicht die gleichen Traditionen teilen?

Infolge der Globalisierung treffen immer mehr verschiedene Kulturen und Zivilisationen aufeinander. Folglich gibt es auch immer mehr Familien, in denen die Eltern aus unterschiedlichen Nationen stammen. Gemäss Pieterse (2015) kann dies entweder dazu führen, dass sich die Kulturen und deren Traditionen vermischen oder aber klar getrennt bleiben. Wenn Familien aus verschiedenen Nationen bzw. Kulturen zusammenkommen, können jeweils unterschiedliche Vorstellungen zur Durchführung des Weihnachtsfestes vorhanden sein, was zu einem Konflikt um die Gestaltung des Festes führen kann. Bennet, Wollin und Mc Avity (1988) sehen darin jedoch auch die Möglichkeit, dies als Bildung einer transkulturellen Familienidentität zu nutzen.

Im Folgenden wird am Fallbeispiel einer multikulturellen Familie gezeigt, wie mit den verschiedenen Traditionseinflüssen umgegangen wird und das Weihnachtsfest praktisch umgesetzt wird. Die Mutter ist Nordirin, der Vater ist halb Deutscher und halb Griechischer Abstammung und die Familie lebt momentan in der Schweiz. Aus einem Interview mit Emily, der Mutter der Familie, ergibt sich, dass in ihrer multikulturellen Familie einerseits ähnliche Weihnachtsbräuche der verschiedenen Nationen parallel durchgeführt werden (Interview mit Nikitidis), andererseits werden aber verschiedene Bräuche vermischt, wodurch wieder eine neue transkulturelle Tradition entsteht.

An Heiligabend wird Fondue Chinoise gegessen, auf dem Tisch stehen gleichzeitig jedoch auch unterschiedliche Arten von griechischen Mezze, welche das Fondue begleiten und bereichern. Letztes Jahr wurde Weihnachten in Griechenland gefeiert (mit australischem Besuch) und zum Dessert eine australische Glacetorte serviert. Hier werden also unterschiedliche Esstraditionen vermischt, indem sie zur gleichen Mahlzeit verzehrt werden. Um auch die Esstradition mütterlicherseits zu integrieren wird üblicherweise am 25. Dezember ein typisch Britisches Weihnachtsessen aufgetischt: Ein grosser Braten, begleitet von reicher Braten- sowie süsssaurer Cranberrysauce und «Stuffing», als Dessert der traditionelle «Christmas Pudding» (Interview mit Nikitidis).

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Abb. 1: Fondue Chinoise

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Abb. 2: Britischer Weihnachtspudding

 

 

 

 

 

 

Doch wer bringt die Geschenke? Santa Claus, das Christkind oder doch der Samichlaus? In diesem Falle alle. Die Kinder besuchen einen Schweizer Kindergarten, wo natürlich Samichlaus und Schmutzli zu Besuch kommen, um Nüsse und Süsses vorbeizubringen, aber auch um zu kontrollieren, ob die Kinder brav waren. Am Heiligabend werden zuhause die «Stockings» hoffnungsvoll bereitgestellt, begleitet von einem Glas Milch und britischen Mince Pies für Santa Claus, der in der Nacht kleine Geschenke in die Strümpfe steckt. Auf Rudolph wartet zudem eine Karotte als Stärkung für den Rückflug nach Grossbritannien.

Obwohl sowohl Santa Claus als auch der Samichlaus optisch gleich aussehen, sind sie für diese Kinder «komplett unterschiedliche Personen», wie Nikitidis mir versichert. Hier sieht man, dass die Traditionen klar getrennt werden und es nicht zu einer Vermischung der Weihnachtsfiguren kommt. Es kommen auch das Christkind sowie die Helfer von Santa Claus – die Weihnachtselfen – zu Besuch, um kleine Geschenke zu bringen.

Die Eltern sehen es eher kritisch, dass die Kinder von so vielen Weihnachtsfiguren Geschenke bekommen, wollen jedoch «die einzelnen Traditionen den Kindern nicht vorenthalten» (Nikitidis), da sie selbst damit aufgewachsen sind und diese Traditionen weitergeben wollen.

Abb. 3: Traditionelle Christmas Stockings

Abb. 3: Traditionelle Christmas Stockings

Der Weihnachtsbaum wird Mitte Dezember gekauft: Hier gibt es eine klare Vermischung (beziehungsweise einen Kompromiss) zwischen der Britischen Tradition, bei der der Baum am 1. Dezember bereits das Wohnzimmer schmückt und der Deutschen Tradition des Vaters, der jeweils als Kind den Baum als wichtigen Bestandteil des Weihnachtstages jeweils am 24. gekauft und geschmückt hatte. Denn eine klare Trennung, also zwei Weihnachtsbäume an verschiedenen Tagen, würde hier keinen Sinn ergeben, meint mein Interviewpartner.

Der Baum wird natürlich mit dem urdeutschen O-Tannebaum besungen, vor dem zu Bett gehen wird aber das typische Weihnachtsgedicht «Twas the night before Christmas» vorgelesen. Durch die Zweisprachigkeit der Kinder können beide Traditionen integriert werden und leisten somit einen wichtigen Beitrag an den Weihnachtsabend (Nikitidis).

 

 

Die Weihnachtstraditionen dieser Familie können als eine Art kulturelles Mosaik betrachtet werden, in dem einzelne Stücke wieder ein Ganzes ergeben (Pieterse, 2001) und eine ganz eigene «Familienkultur» entsteht. Jedoch ist ein Mosaik fix und unveränderlich, kulturelle Praxen hingegen sind flüssig und offen, verändern sich von Generation zu Generation (Hannerz 1992). Kinder aus multikulturellen Familien erhalten also eher lose Mosaikstücke aus den verschiedenen Traditionen, welche sie frei bewegen und verändern können. Sie entscheiden dann später selbst, welche Traditionen sie weitergeben. So bilden sie wiederum ein neues Mosaik und ein neues multikulturelles Bild, in dem sich die verschiedenen Traditionen zum einen vermischen, zum anderen auch nebeneinander ko-existieren.

 


Quellen und Literatur

Bennett, L.A., Wolin, S. J., & McAvity, K. J. (1988). Family identity, ritual, and myth: A cultural perspective on life cycle transitions. In C. J. Falicov (Ed.), Family transitions: Continuity and change over the life cycle (pp. 211-233). New York: Guilford.

Hannerz, U. (1992). Cultural complexity: Studies in the social organization of meaning. Columbia University Press.

Pieterse, J. N. (2001). Hybridity, so what? The anti-hybridity backlash and the riddles of recognition. Theory, Culture & Society, 18(2-3), 219-245.

Pieterse, J. N. (2015). Globalization and culture: Global mélange. Rowman & Littlefield.

Wallerstein, I. (1989). Culture as the ideological battleground of the modern world-system. Hitotsubashi journal of social studies, 21(1), 5-22.

Interview, Nikitidis, Emily (Pseudonym), 6.11.16.

 

Abbildungen

Abb. 1: Miuki, (2006): https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f9/HotpotIngredients.jpg (CC BY-SA 3.0; 8.12.2016).

Abb. 2: Peek, James (2005): https://c1.staticflickr.com/1/3/5138903_946a0407ed.jpg (CC BY-SA 2.0; 8.12.2016).

Abb. 3: Christmas Stockings. Scott Feldstein (2004), online: https://c1.staticflickr.com/1/31/66473478_501e73249d_b.jpg (CC BY 2.0; 8.12.2016)

Twas the Night Before Christmas (undat.): Golden Films, online: https://www.youtube.com/watch?v=NF6gMctT3XI (8.12.2016).