Nicole Güntert

 


Weihnachten gilt als Fest der Liebe, der Familie und der Besinnlichkeit. Dennoch kommt es an Weihnachten oft zu Enttäuschungen und Streitereien. Gründe dafür sind häufig überhöhte Erwartungen (Löfgren 1993) sowie unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse einzelner Familienmitglieder (Bausinger 1974). Hinzu kommen noch strapazierte Nerven aufgrund der stressigen Vorweihnachtszeit: Geschenke suchen und verpacken, Weihnachtskarten schreiben, den Weihnachtsbaum besorgen und schmücken, Kekse backen, für das Festessen einkaufen und vieles mehr (Witzmann et al. 2012). So weckt Weihnachten nicht bei allen lediglich ein wohliges Gefühl, sondern häufig auch ein unbehagliches (Bausinger, 1974). Doch wie gehen Leute mit dieser Diskrepanz zwischen Besinnlichkeit und Stress um? Gibt es bestimmte Strategien, um Stress und Streit an Weihnachten zu vermeiden?

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Abb. 1: Streitendes Paar an Weihnachten (Symbolbild)

Die Diskrepanz zwischen Besinnlichkeit und Stress an Weihnachten erleben jährlich viele Leute, so auch meine Interviewpartnerin Nadine. Sie ist Studentin und arbeitet nebenbei noch Teilzeit in einem Bücherladen am Zürcher Flughafen. Der Dezember ist für sie immer ein sehr stressiger Monat; einerseits weil kurz vor Weihnachten die Semesterprüfungen stattfinden, andererseits weil zu dieser Zeit im Bücherladen besonders grosser Kundenandrang herrscht und sie dementsprechend auch häufig über die Feiertage arbeiten muss. Typische (vor-)weihnachtliche Aktivitäten, wie zum Beispiel Geschenke kaufen oder den Weihnachtsbaum schmücken, fände sie an sich sehr schön, allerdings stellen diese Dinge in dieser sonst schon genug stressigen Zeit zusätzliche Stressfaktoren für sie dar. Um die Weihnachtszeit trotz allem ein bisschen geniessen zu können, müsse sie also gewisse Kompromisse eingehen. So habe sie zum Beispiel vor zwei Jahren – nach Absprache mit ihrer ganzen Familie und all ihren Freunden – beschlossen, sich nur noch im engsten Familien- und Freundeskreis zu beschenken. So sei sie einerseits ein wenig entlastet was das Besorgen von Geschenken anbelangt, gleichzeitig müsse sie aber nicht vollkommen auf die an sich schöne Geste des Schenkens verzichten.

Zudem hat sie mit ihrer besten Freundin die Abmachung getroffen, jedes Jahr an einem Tag im Dezember zusammen Kekse zu backen. Das gemeinsame Backen ermögliche es ihr, in Weihnachtsstimmung zu kommen und somit eine gewisse Distanz zum Prüfungs- und Arbeitsstress zu gewinnen. Ausserdem falle einem zu zweit alles leichter: das Einkaufen der Zutaten, das Backen selbst wie auch das Aufräumen.

Neben diesen Strategien zur Überwindung der Diskrepanz zwischen Besinnlichkeit und Stress an Weihnachten hat Nadine auch bestimmte Strategien ausgearbeitet, um Streit an Weihnachten zu vermeiden. Konflikte kommen bei ihr an der Weihnachtsfeier mit der Familie väterlicherseits leider häufig vor. Es handelt sich dabei meistens um ihre drei Onkel, zwischen denen der Streit ausbricht. Sie vertreten in gewissen Bereichen wie zum Beispiel Politik häufig unterschiedliche Meinungen, weshalb es oft zu heissen Diskussionen kommt, die dann schnell auch mal ausarten und im Streit enden. Aus diesem Grund hat Nadine zusammen mit ein paar anderen Familienmitgliedern beschlossen, an der Weihnachtsfeier keine heiklen Gesprächsthemen anzuschneiden und falls es doch einmal dazu kommen sollte, versucht eine aussenstehende Person so schnell wie möglich das Thema zu wechseln. Auf meine Frage, ob sie schon einmal in Erwägung gezogen hätten, in einer anderen Konstellation Weihnachten zu feiern, sodass ihre drei Onkel nicht aufeinandertreffen, meinte sie:

«Ja daran haben wir schon mehrmals gedacht. Wir haben das auch schon in der Familie angesprochen, aber die Grossmutter stellt sich dagegen. Sie will nicht, dass man einen ihrer Söhne einfach ausschliesst. Sie will halt, dass wenigstens einmal im Jahr, also an Weihnachten, die ganze Familie zusammen feiert.»

So bleibt Nadine bedauerlicherweise nichts anders übrig, als mit nicht allzu grossen und romantischen Erwartungen an die Familienfeier väterlicherseits zu gehen und ihre genannten Strategien anzuwenden.

Natürlich sind die Gründe für Stress und Streit an Weihnachten von Person zu Person bzw. von Familie zu Familie unterschiedlich. Somit stellen die genannten Strategien meiner Interviewpartnerin Nadine (z. B. nicht jeden beschenken oder heikle Gesprächsthemen an der Familienfeier vermeiden) auch keine allgemein gültige oder abgeschlossene Liste dar. Im Internet finden sich noch zahlreiche weitere Tipps zur Vermeidung von Stress und Streit an Weihnachten, so zum Beispiel in dem amüsanten Youtube-Video von der «Überlebenshelferin» der Sendereihe Gott sei Dank.

Zudem gibt es auch noch eine Vielzahl an Internetseiten, auf denen die Ratschläge von Psychologen aufgelistet sind. In einem Beitrag auf der Internetseite der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) beispielsweise rät die Psychologin Svenja Lüthge, gelassen an die Familienfeier zu gehen und kleine Pannen mit Humor zu nehmen. Ausserdem empfiehlt sie, schon im Voraus die unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen der einzelnen Familienmitglieder abzuklären und Kompromisse auszuhandeln, sodass alle zufrieden sind und sich auf ein schönes besinnliches Weihnachtsfest freuen können.

 

>>> Weitere Infos zu Streit an Weihnachten (Der Westen)

 


Quellen und Literatur

Bausinger, Hermann: Unbehagen an Weihnachten?: Ausstellung des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft Tübingen im Haspelturm des Schlosses Hohentübingen; 1. Dez. 1974 bis 6. Jan. 1975. (1974). Tübingen: [s.n.].

https://www.youtube.com/watch?v=9ZVpN4zRaSg, Schlachtfest Weihnachten – Die Überlebenshelferin – Gott sei Dank, Zugriff am 15.11.16.

Klöber, Katharina (2011): Warum es an Weihnachten so oft Streit gibt und wie man ihn vermeidet [Online]. Available: http://www.derwesten.de/panorama/warum-es-an-weihnachten-so-oft-streit-gibt-und-wie-man-ihn-vermeidet-id6168990.html, Zugriff am 15.11.16.

Löfgren, Orvar (1993), „The Great Christmas Quarrel and Other Swedish Traditions“, in: Miller (Hrsg.), Unwrapping Christmas (S. 217–234), Oxford.

Witzmann, Nora, Butterweck, Dagmar, Pallestrang, Kathrin, & Österreichisches Museum für Volkskunde. (2012). Weihnachten – noch Fragen? (Vol. Bd. 97, Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde). Wien: Österreichisches Museum für Volkskunde.

Interview, Nadine Müller (Pseudonym), 13.11.16.

 

Abbildungen

Abb. 1: Streitendes Paar an Weihnachten (Symbolbild). (Foto: N. Güntert, Schaffhausen, 20.11.2016).