Sandrine Beck

 



oo1Der Filmausschnitt aus der Serie O.C., California stammt aus dem Jahre 2003. Seth, der Sohn einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters, erklärt dem neuen Mitglied der Familie, Ryan, wie er Chanukka und Weihnachten zu Weihnukka («Chrisnukkah») kombiniert hat. Bevor hier genauer auf dieses Fest eingegangen wird, soll die Annäherung von Weihnachten an Chanukka historisch dargestellt werden, gefolgt von expliziten Beispielen zur Weihnachtsfeier und dem jüdischem Chanukka-Fest.

Laut Embacher (1997) fand um 1800 ein sozialer Aufstieg der jüdischen Bevölkerung und eine Anpassung an die deutsche bürgerliche Kultur statt. Dieser Aufstieg und die Veränderung von religiösen Weihnachten zu einem Familienfest ermöglichte eine Harmonisierung von jüdischem Chanukka-Fest und christlicher Weihnacht. Da bürgerliche jüdische Familien oft ein christliches Dienstmädchen beschäftigten, waren Christbäume in den jüdischen Häusern nicht selten (Embacher 1997). Während des Nationalsozialismus wurde Weihnachten in den Konzentrationslagern missbraucht; um die Häftlinge zu schikanieren, wurden Gefangene sogar neben einem Weihnachtsbaum erhängt. Trotz der Lebensgefahr gelang es jüdischen Gefangenen aber auch, an ihren Bräuchen und somit ihrer Identität festzuhalten (Embacher 1997).

Das Pflegen von Traditionen wurde und wird auch heute noch oft für politische Zwecke verwendet – zum Beispiel, wenn es um den Versuch geht, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, aber auch missbraucht – da wo das Ziel ist, Gruppierungen auszuschliessen. Hollywood behandelt das Thema gerne auch ironisch, indem es Akteure zeigt, die aus ihren verschiedenen Hintergründen das Optimum herauszuholen. Ein Stoff, der nicht zuletzt wegen der Diskrepanz von Tradition und moderner, aufgeschlossener Lebensweise auch aus komödiantischer Hinsicht einiges hergibt.

Meine schweizerisch-jüdische Interviewpartnerin Judith Wyler (nachstehend JW) feiert jedes Jahr mit ihrer Familie Chanukka. Sie zündet an acht Abenden je eine neue Kerze an, die sich in einem Leuchter namens Chanukkia befinden, bis am letzten Abend alle brennen. Geschenke gibt es hauptsächlich am ersten Abend, welcher auch jener ist, an dem die grösste Feier stattfindet. Gegessen wird laut JW süsses Gebäck wie «Birnenweggen» und eine Art Kartoffelpfannkuchen (laktes). Zeitlich findet Chanukka ab dem 25. Kislew statt, was im christlichen Kalender zwischen Mitte November und Mitte Dezember wäre. Demzufolge findet Chanukka also nicht jedes Jahr an den gleichen Tagen statt. Meine zweite Interviewpartnerin Larina Beck (nachstehend LB) feiert jedes Jahr an den gleichen Tagen Weihnachten. Der für sie wichtigste Abend ist der 24. Dezember, an dem mit der Familie im engsten Kreis gefeiert wird. Gegessen wird jedes Jahr – nach einem reichhaltigen Apéro – Fondue Chinoise. Im Wohnzimmer steht ein reich geschmückter Weihnachtsbaum mit Kerzen. Die Geschenke befinden sich unter dem Baum und werden nacheinander von den Familienmitgliedern ausgepackt.

becksandrine002 Kommen wir nun auf den Videoausschnitt aus O.C., California und Weihnukka zurück. Laut dem Sohn der amerikanisch-jüdischen Familie feiert man dieses Fest so, dass man sich an acht Abenden je ein Geschenk gibt und am neunten Abend so Weihnachten feiert, wie LB ihren Weihnachtsabend beschrieben hat: mit ganz vielen Geschenken. Es wird also zeitgleich gefeiert wie das traditionelle Chanukka, der Inhalt der Feier ähnelt aber eher der christlichen Weihnacht. Auch JW kennt den Begriff Weihnukka, versteht jedoch etwas Anderes darunter. In ihrer Familie nennt man die Feier dann Weihnukka, wenn Chanukka zeitlich auf die Weihnachtstage fällt, was dieses Jahr der Fall sein wird.

becksandrine003Die sowohl in der christlichen als auch in der jüdischen Welt im Laufe der letzten Jahrzehnte stattfindende Verweltlichung der Religionen hat unter anderem dazu geführt, dass früher geltende, strenge Regeln aufgeweicht wurden. Eine Lockerung, die zum Beispiel dazu geführt hat, dass scheinbar Unvereinbares wie zwei hohe Feiertage zweier verschiedener Glaubensrichtungen kombiniert werden.

 

 

 


 

Quellenverzeichnis

Embacher, Helga (1997). Weihnukka. In: Gajek, Esther/Faber, Richard (Hg.): Politische Weihnacht in Antike und Moderne: zur ideologischen Durchdringung des Festes der Feste. Würzburg: Köngishausen und Neumann.

O.C., California (2013, Ausschnitt): The OC Seth’s Chrismukkah Speech Season 1 HILARIOUS! CHRISTMAS!, 16.12.2013, Everything The OC, https://www.youtube.com/watch?v=T9C-H_UvbUg (abgerufen am 11.11.16).

Interview: Judith Wyler, 11.11.16.

Interview: Larina Beck, 08.11.16.

 

Abbildungen

Abb. 1. Chanukkia (Foto: Sandrine Beck).

Abb. 2. Weihnachtsbaum (Foto: Sandrine Beck).