Selina Reusser

 


«Eine […] Weihnacht ohne den grünen Tannenbaum ist einfach nicht vorstellbar. Der ruhige Glanz seiner Lichter gehört in das weihnachtliche Bild des Einzelnen wie der ganzen Bevölkerung. Der grüne Baum kennt keine Konfession und keine Parteien, keine Weltanschauungen und Ideologien. Er ist das Symbol der Weihnacht.» (Ruland, 1978; zit. nach Wichmann, 2013, S. 111)

 

 

Die Verbreitung der Weihnachtsbaumtradition

«Als frühster Beleg für die zunehmende Verbreitung des Weihnachtsbaumes, wie wir ihn kennen, gilt […] eine Schilderung von 1605 in einer elsässischen Chronik» (Wichmann 2013, S. 111). In einem Reisetagebuch notierte ein Unbekannter folgende Zeilen: «Auff Weihnachten richtett man Dannenbäume zu Strassburg in der Stuben auf, daran henckett man Rossen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, flache kleine Kuchen, Zischgolt, Zucker» (Riemerschmidt 1962; zit. nach Wichmann 2013, S.111). Berichten zufolge nahm der Weihnachtsbrauch in der Schweiz, ebenfalls um diese Zeit, in Basel seinen Anfang, wo Schneidergesellen einen Baum mit Äpfeln und Käse dekorierten, der später in der Zunftstube aufgestellt wurde (vgl. swissinfo.ch). Der Brauch blieb lange Zeit dem Adel vorenthalten, da sich der Grossteil der Bevölkerung die teuren Bäume und die Dekoration nicht leisten konnte (Brauchle 2013). Im 19. Jahrhundert konnte sich der Brauch allmählich als zentraler Mittelpunkt des bürgerlichen Familienlebens durchsetzen. «[Das] Entzünden der Weihnachtsbaumkerzen hinter verschlossener Tür im Kreise der Kleinfamilie [entsprach] dem Bedürfnis nach Intimität und Abschliessung nach aussen» (Weber-Kellermann 1978; zit. nach Wichmann 2013, S. 111).

 

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«O Tannenbaum, o Tannenbaum!»

Schon bevor sich der Weihnachtsbaum etablierte, war es üblich, immergrüne Pflanzen in der Winterzeit ins Haus zu bringen. Dies wurde als Zeichen der Fruchtbarkeit, des Lebens und der Hoffnung angesehen (Brauchle 2013). Das Schmücken eines Nadelbaumes an Weihnachten ist vergleichsweise neu. Erste Berichte dazu stammen ebenfalls aus dem Elsass und schildern, dass dieser Schmuck hauptsächlich aus Essbarem – unter anderem Äpfel und Gebäck – bestand. Durch die Säkularisierung entwickelte sich Weihnachten zunehmend zu einem Familienfest, wodurch der geschmückte Baum zu einem festen Bestandteil wurde. Anfangs wurde Baumschmuck in der Vorweihnachtszeit meist selbst gebastelt, «Anleitungen hierzu fanden sich in […] Zeitschriften für Frauen und Mädchen» (ebd., S. 135). Baumschmuck bestand zu dieser Zeit auch aus Papierfiguren, wie Papierrosen und farbigen Papierketten. Baumschmuck wurde ausserdem auch aus Watte und Stroh hergestellt. Kerzen wurden aufgrund ihres hohen Preises Mitte des 17. Jahrhunderts erst durch die Oberschicht verwendet. Der sinkende Preis der Kerzen sowie die Verbesserung der technischen Anbringungsmöglichkeiten für die Weihnachtskerzen, trugen später zur Verbreitung dieses Brauches bei (Mantel 1975).

So wurde das Interesse der Bevölkerung an Baumschmuck immer grösser. Mit der Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts, entwickelte sich auch eine Weihnachtsbaumschmuckindustrie, «die aus dem einfach geschmückten Tannenbaum einen glitzernden, glänzenden Prunkgegenstand machte» (Stille 1993; zit. nach Brauchle 2013, S. 135). Zu dieser Industrie gehörte auch die in Thüringen entwickelte Glasbläserkunst, die farbige Glaskugeln für den Weihnachtsbaum herzustellen begann. Moderner Weihnachtsschmuck wurde seit dem frühen 20. Jahrhundert immer bunter und ausgefallener und durchlief unterschiedliche Trends, die Vielfalt kennt keine Grenzen mehr, was es schwer macht, im Schmuck überhaupt eine Art Tradition zu erkennen (ebd.).

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«Als ich noch ein Kind war, war der Weihnachtsbaum das, was ich am meisten an Weihnachten mochte […], [worauf] ich mich am meisten freute. Die Farbe, die besondere Form und der intensive Geruch nach Wald, all das in Kombination mit dem Schmuck, der sonst das ganze Jahr über in einer alten Schachtel auf dem Dachboden verstaut war.» (Brauchle, 2013, S. 131)

 

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(Weihnachtsbaum der Familie Walter, 2014)

Ähnliche Gefühle wurden auch von der Familie Walter (Interview, 11.11.16) aus dem Kanton Bern, in einem kurzen Interview erwähnt. Für sie symbolisiert der Baum familiären Zusammenhalt, da sie den Baum jedes Jahr gemeinsam schmücken. Dazu verwenden sie Baumschmuck, der schon seit mehreren Generationen im Familienbesitz ist. Der Schmuck wird von Zeit zu Zeit durch neuere Modelle ergänzt, wodurch auch die Kinder zu dieser Tradition beitragen können. Der Baum weckt bei den Eltern viele schöne Kindheitserinnerungen und lädt beim Betrachten bei Kerzenschimmer zum Nachdenken und Reflektieren über das vergangene Jahr ein. Als Kontrast zu der hektischen Adventszeit zuvor, ist der leuchtende und dekorierte Weihnachtsbaum stark mit Gefühlen von Dankbarkeit und Geborgenheit verbunden, die in der Familie stets ein Gefühl der Ruhe und Besinnlichkeit auslösen.

 


 

Quellen und Literatur

Brauchle, Katja (2013). Weihnachtsschmuck im Wandel der Zeit.  In: Sascha Szabo und Hannah Köpper (Hrsg.). „Fröhnliche Weihnachten“ X-Mas Studies. Weihnachten aus der Sicht der Wissenschaft. Marburg: Tectum Verlag. S. 131–141.

Buchser, Corinne (24.12.2007). Die Geschichte des Christbaums. In: Swissinfo, http://www.swissinfo.ch/ger/die-geschichte-des-christbaums/6329202 (14.11.16).

Mantel, Kurt (1975). Geschichte des Weihnachtsbaumes und ähnlicher weihnachtlicher Formen. Eine kultur- und waldgeschichtliche Untersuchung. Hannover: Verlag M.u.H. Schaper.

Ruland, Josef (1978). Weihnachten in Deutschland. Bonn-Bad: Godesberg.

Stille, Eva (1993). Christbauschmuck des 20. Jahrhunderts. Kunst, Kitsch und Kuriositäten. München.

Wichmann, Marie-Helene (2013). Tannengrün, Christbaumschmuck und Plätzchenduft – eine Analyse der Darstellung von Weihnachten in heutigen Wohnzeitschriften vor dem Hintergrund der Symbolischen Provenienz von Weihnachtsbau, & Co. In: Sascha Szabo und Hannah Köpper (Hrsg.). „Fröhnliche Weihnachten“ X-Mas Studies. Weihnachten aus der Sicht der Wissenschaft. Marburg: Tectum Verlag. S. 99–128.

Weber-Kellermann, Ingeborg (1978). Das Weihnachtsfest. Luzern.

Interview: Petra Walter (Pseudonym), 11.11.16.

 

Abbildungen und Klang:

Abb. 1. Weihnachtsbaum (Lotus Head, uploaded: 24.12.2004), online: https://commons.wikimedia.org/wiki/Christmas_tree#/media/File:Christmas_tree_sxc_hu.jpg. (28.11.2016).

Abb. 2. Baumschmuck (David J, Xmas colors, uploaded: 17.12.2013.), online: https://commons.wikimedia.org/wiki/Christmas_decorations?uselang=de#/media/File:Xmas_colors,_2013_(photo_by_David_J).jpg (28.11.2016).

Abb. 3. Weihnachtsbaum der Familie Walter, 2014 (Foto: privat).

Audio: O Christmas Tree O Tannenbaum, performed by the U.S. Marine Corps Band, „The President’s Own,“ online: whitehouse.gov (public domain).