Vanessa Bibic

 


Die idealisierte Schweizer Weihnacht beginnt in den Quellen der populären Kultur, die um 1900 herausgegeben wurden, meist wie auch heute noch, bereits am 24. Dezember. So werden am Morgen des Heiligen Abends noch die letzten Geschenke hergerichtet und eingepackt. Auch die Kinder sind fleissig am Werk und verleihen ihren Gaben ganz individuelle Verpackungen. Das Fest ist von einer geradezu utopischen Harmonie durchwirkt.
Meist bereitet die Mutter, nach einem Mittagessen im Kreise der Familie, weitere Überraschungen sowie den Mittelpunkt der Feier, nämlich das Weihnachtszimmer, vor. Dort dekoriert sie den erst am selben Tag gekauften Weihnachtsbaum, der in der Mitte des Raumes auf einem Tischchen steht und platziert alle Geschenke unter ihm. Bis am Abend darf das Zimmer niemand ausser der Mutter und, in bürgerlichen Haushalten, den Bediensteten betreten. Damit die Mutter ihre Ruhe beim Herrichten des Weihnachtszimmers hat und die folgsamen Kinder die Zeit der brennenden Vorfreude auf dessen Aussehen und die Geschenke etwas verkürzen zu können, begeben sich die Kinder mit dem Vater auf einen Weihnachtsspaziergang. Nach Hause zurückgekehrt, ist die Familie wieder vereint und geniesst gemeinsam warmen Tee und Brezeln.
In der Idealvorstellung ist dann der Weihnachtsabend ganz besonders der Familie gewidmet, zu der auch die Hausangestellten gehören. Äussere «Eindringlinge» oder das Fernbleiben von der Familie sind nicht gern gesehen und ziehen meist negative Konsequenzen nach sich. So sitzt am Abend wieder die ganze Familie in ihren Sonntagskleidern zusammen und lauscht den Geschichten über Weihnachten oder die Heinzelmännchen, welche die Grossmutter den Kindern erzählt. Sie wird dann aber bald von den Kindern abgelöst, die nun Geschichten aus dem Weihnachtsevangelium oder Weihnachtsgedichte, wie beispielsweise «Wiehnechtsängel», aufsagen.

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Abb. 1 und 2: Sophie Hämmerli-Marti: Wiehnachtsbuech (1914).

Danach wird am Klavier, mit Geigen, Flöten oder Harfen musiziert und es werden gemeinsam Weihnachtslieder gesungen. Darunter auch die heute noch bekannten Lieder «O du fröhliche» und «Es ist ein Ros’ entsprungen».

Herzliche Weihnachtswünsche!

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Abb. 3 und 4: Weihnachtspostkarte; Adèle Stoecklin: Weihnachts- und Neujahrslieder aus der Schweiz (1912).

Wenn dann endlich die drei langersehnten Glockenschläge aus dem Weihnachtszimmer ertönen, eilen alle dorthin. Denn die Glockenschläge signalisieren, dass das Christkind, auch als «Wiehnechtschind» bekannt, die Geschenke geliefert hat und das Weihnachtszimmer nun bereit zum Bestaunen ist. Im Idealfall befindet sich im Zentrum des Weihnachtszimmers das kleine Tischchen, dekoriert mit einer weissen Tischdecke, verschiedenen Naschereien und natürlich den Geschenken, auf welchem dann der Christbaum mit seinen wunderschönen Kerzenlichtern steht.Diese werden erst jetzt, am Weihnachtsabend, angezündet. Der Baum ist, da stimmten alle Beschreibungen überesilbernen oder goldenen Nüssen, funkelndem Flitter oder Silberhaar und verschiedenen Leckereien geschmückt.

Die Kinder tanzen zuerst um den Tannenbaum und singen «Oh Tannenbaum», bevor es an das Auspacken der Geschenke geht. Jedes Kind erhält dabei meist mehrere Geschenke. Einige sind klar von den Eltern, andere aber sind speziell vom Christkind abgegeben worden. Die Geschenke bestehen dabei meist aus Strümpfen, Schlitten, Schlittschuhen, Puppen oder Büchern. Die Geschenke von Grosseltern, Tanten und Onkeln werden erst danach persönlich überreicht. Die Kinder sind sehr dankbar für ihre erhaltenen Geschenke. Keine Beschwerden werden geäussert, sondern es wird sofort mit dem Ausprobieren begonnen. Einige der Geschenke werden so geschätzt, dass sie sogar mit ins Bett genommen werden. Die Kinder haben sich natürlich auch auf den wichtigen Tag vorbereitet und für ihre Familienmitglieder Geschenke gebastelt und selbst eingepackt. Auch hier sind die Hausangestellten mit dabei und werden beschenkt. Selbstverständlich sind alle sehr glücklich und die schlechten Taten des Jahres sind am Fest der Nächstenliebe vergessen. Der Abend verläuft in einer schon utopisch zu nennenden Harmonie, und es gibt keinerlei Zankereien, da alle ihr (Familien-)Glück und Beisammensein schätzen.

 

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Nicht gelaufen

 

 

 

 

 

 

Abb. 5 und 6: Weihnachtsbaum, in Sophie Hämmerli-Marti (1914); Weihnachtspostkarte.

Nach der Bescherung folgt dann ein von der Mutter und den Hausangestellten zubereitetes gemeinsames Abendessen, das mit einem speziell köstlichen Nachtisch gekrönt wird. So wird am mit roten Kerzen dekorierten Tisch zuerst eine warme Suppe serviert. Dies wird gefolgt von einem Kalbsbraten mit verschiedenen Beilagen sowie einem aus Lebkuchen oder Gugelhupf, bestehenden Nachtisch.
Viele Familien begeben sich später, mit jenen Kindern die noch wach sind, an die Mitternachtsmesse, wo sie dem ersten Weihnachtstag mit Gesang und Gebeten entgegen feiern. Nach der Messe kehren alle in ihre Häuser zurück, deren Fenster die Mütter mit weihnachtlichem Spielzeug dekoriert haben. Die Familie sitzt dann zusammen und geniesst warmen Tee mit Milchbrötchen oder Bretzeln und Trauben, während die Kinder gespannt der Jesusgeschichte zuhören, die ihnen dabei erzählt wird. Im Idealfall geschieht in dieser Heiligen Nacht, in Anlehnung an die Jesusgeschichte, auch im Kreise der Familie ein kleines «Weihnachtswunder». So kommen oft verstossene Töchter zurück, verlorene Lieben werden wiedergefunden oder einsame Menschen bekommen unerwartet gutherzige Gesellschaft. Erst in den frühen Morgenstunden legen sich alle schlafen.
Am darauffolgenden Weihnachtstag bereiten sich jene Familien, die es nicht zur Mitternachtsmesse geschafft haben, am Vormittag auf die Kirche vor. Denn die Feierlichkeiten gehen am Mittag mit einem gemeinsamen Mahl und bei fröhlichem Zusammensein im Kreise der erweiterten Familie, mit Bekannten und Freunden schon wieder weiter.


Quellen und Literatur

Egele, Otto. (1912). Sechs Weihnachtsgeschichten für Schule und Haus zweite Folge zusammengestellt und mit Buchschmuck. Zürich: Orell Füssli.

Eschman, Ernst. (1914). Weihnachten Gedichte und Sprüchlein vom Weihnachtsfest, von St. Niklaus und vom Neujahr. Zürich: Orell Füssli.

Hämmerli-Marti, Sophie (1914). Wiehnechtsbuech. Bern: Francke.

O.A. (1909–1910). Der Weihnachtstag. Schweizerische Lehrerinnen-Zeitung Heft 3, 14, S.49–56.

O. Hg. (1911). Sechs Weihnachtsgeschichten für Jung und Alt mit einem Kalender für artige Kinder. Zürich: Orell Füssli.

Plüss-Stähelin, Frieda (1909). Wenn’s Weihnacht ist. In Dies., Wiedergefunden: einfaches Weihnachtsspiel für Kinder. Aarau: Sauerländer.

Reinhard-Trösch, Flore (1912). Weihnachten. Bern: Francke.

Rothpletz, Anna. v. Meiss. (1909). Der Vorabend des Weihnachtsfestes. Bern: Verein für Verbreitung guter Schriften

Schenker-Amlehn, Lina (189-). Ein Weihnachtsabend. Zürich: Th. Schröter.

Ulrich, Anna (1913). Weihnachts-Erzählungen. Zürich: Schulthess & Co.

Wild-Lüthi, Caspar (1906). Zwei Weihnachtsabende. Schauspiel in zwei Akten. Aarau: Sauerländer.

 

Abbildungen

Abb. 1: Gedicht aus: Hämmerli-Marti, Sophie (1914). Wiehnechtsbuech. Bern: Francke, S. 42.

Abb. 2, 5: Illustrationen von Karl Hänny in: Hämmerli-Marti, Sophie (1914). Wiehnechtsbuech. Bern: Francke, S. 2 und 37 (Die Autorin hat den Verlag kontaktiert, es konnten jedoch keine Rechteinhaber ausfindig gemacht werden. Allfällige Reklamationen sind zu richten an: johannes.mueske@uzh.ch).

Abb. 3: Herzliche Weihnachtswünsche! Postkarte, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / PK_008409 (Public Domain).

Abb. 4: Stoecklin, Adèle (1912). Weihnachts- und Neujahrslieder aus der Schweiz. Basel: Verlag der Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde, S. 22–23 (frdl. Genehmigung der Schwe. Gesellschaft für Volkskunde).

Abb. 6: Fröhliche Weihnachten. Postkarte, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / PK_008426 (Public Domain).