Vivian Tresch

 


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Zeichnung gefertigt von Lino (10)

Selbst im von Rationalismus geprägten 21. Jahrhundert versichern viele Eltern in der Schweiz ihren Kindern die Existenz des Weihnachtsmannes, der über alle Kinder Buch führt und alljährlich am 6. Dezember jedem einen Besuch abstattet, um für gutes Benehmen zu belohnen und für schlechtes mindestens zu tadeln. Die Frage, die sich aufdrängt, ist die nach dem Warum, genauer die nach der Funktion dieser Tradition; Welche pädagogische Rolle spielt der Weihnachtsmann im 21. Jahrhundert und in welchem Grade wird er von Eltern und Kindern in dieser Rolle bewusst wahrgenommen? Dieser Frage soll im Folgenden aus der Sicht von Eltern, Kindern und der Psychologie nachgegangen werden.

Ihren Anfang nahm die Tradition, wie der Volkskundler Werner Mezger schreibt, bereits im 14. Jahrhundert, als der heilige Nikolaus als gutmütiger Schutzpatron der Kinder und Jugendlichen verehrt wurde (Mezger 1990). Später entwickelte sich daraus die Tradition, Kindern am 6. Dezember im Namen des St. Nikolaus, je nach deren Benehmen mehr oder weniger zu schenken. Diese pädagogische Instrumentalisierung wurde darauf aus dem klerikalen Kontext auch in Privathäuser übernommen. Somit wurde der Sankt Nikolaus ab 1550 vermehrt als «der von himmlischer Warte kritisch prüfende» (Mezger 1990, S. 77), also als pädagogisches Disziplinierungsmittel eingesetzt. Verstärkt wurde diese Funktion dann ab der Mitte des 17. Jahrhunderts durch die dramatische Inszenierung des Besuchs des Sankt Nikolaus, anstelle einer nächtlichen, unbemerkten Geschenkübergabe. Begleitet wurde der Nikolaus-Darsteller, dem christlichen Dualismussystem folgend, meist von einer Schreckgestalt, die dem Heiligen jedoch untergeordnet war.

Portrait eines Weihnachtsmannes (Foto: V. Tresch)

Portrait eines Weihnachtsmannes (Foto: V. Tresch)

Im Zuge der zunehmenden Säkularisierung im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand dann aus dem St. Nikolaus der Weihnachtsmann als Hybridfigur, der sowohl für das Loben als auch für das Bestrafen zuständig war (Mezger 1990). Ferner stand und steht der Brauch unter dem amerikanischen Einfluss durch den Santa Claus, sowie zunehmender kommerzieller Instrumentalisierung. In der Schweiz kennt man die Figur des Weihnachtsmannes unter dem Namen Samichlaus, der bei Auftritten meist in Begleitung von Schmutzli anzutreffen ist.

 

 

In der Schweiz erfreut sich dieser Brauch des gemieteten Samichlauses, der den Kindern am 6. Dezember zu Hause einen Besuch abstattet, nach wie vor grosser Beliebtheit. Die Website der St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich spricht von «rund 1’000 Klausbesuche[n] in Familien, Heimen, Spitälern, Schulen und Kindergärten», die jedes Jahr von ihren «Klauspaaren» durchgeführt werden. Im Zuge zunehmender Säkularisierung des Brauches sowie der Entwicklung der Pädagogik weg von Drohung und Strafe tritt der Weihnachtsmann der Gegenwart vor allem als wohlwollende Grossvaterfigur, als sagenumwobene, fantasieanregende Gestalt auf, die Kinder vorrangig lobt und belohnt, sie nur selten tadelt und sicher niemals physisch bestraft. Diese Herangehensweise liegt auch der Zürcher St. Nikolausgesellschaft sichtlich am Herzen:

Besuch von Samichlaus und Schmutzli (Foto: V.Tresch)

Besuch von Samichlaus und Schmutzli (Foto: V.Tresch)

„Samichlaus und Schmutzli geben den Kindern eine Rückmeldung auf ihr Verhalten. Sie können aber niemals die tägliche Erziehungsarbeit der Eltern ersetzen. Bitte setzen Sie Samichlaus und Schmutzli deshalb auch nie als Drohmittel ein. Trotzdem ist die Information über die Kinder (die sog. ‹Sündenliste›) nach wie vor von zentraler Bedeutung. Lobendes ist dabei wichtiger als Ermahnendes! […] Kinder müssen keine Angst vor Samichlaus und Schmutzli haben: Samichlaus nimmt keine Kinder in den Sack; Schmutzli braucht seine Fitze für Vieles, aber sicher nicht, um Kinder damit zu schlagen.“ (St. Nikolausgesellschaft)

 

 

Die «Sündenliste» ist jedoch auch klar auf die positiven Eigenschaften der Kinder ausgerichtet und lässt nur wenig Platz für Kritik, die dann auch höchstens in Form von «Tipps» dem Kind gegenüber geäussert werden.

Auszug aus der «Sündenliste» der St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich. (http://chlaus-zuerich.ch/, Stand 12.11.2016)

Auszug aus der «Sündenliste» der St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich. (http://chlaus-zuerich.ch/, Stand 12.11.2016)

 

Eine zum Thema befragte Mutter dreier Kinder teilt diesen Standpunkt. Für sie spielt die erzieherische Funktion des Weihnachtsmannes kaum eine Rolle, wichtig ist ihr die Fantasie ihrer Kinder anzuregen, sowie das familiäre Beisammensein und das Einläuten der Weihnachtszeit zu zelebrieren.

Zeichnung gefertigt von Selina (7)

Zeichnung gefertigt von Selina (7)

Somit beharrt sie vor ihren Kindern auch nicht stur auf der Geschichte des alten, allwissenden Mannes, sondern lässt ihre Kinder auch zweifeln und gibt ihnen somit die Möglichkeit selbst zu reflektieren und sich ihre eigene Erklärung zusammenzureimen. Diese Haltung wird auch von der Psychologin Lynda Breen in ihrem Essay What if Santa died? vertreten. Breen erläutert das Dilemma in dem sich Eltern befinden, wenn es um den Umgang mit dem Weihnachtsmann geht. Auf der einen Seite stehen die positiven Aspekte, wie die Symbolik für Wohlwollen und Grosszügigkeit, die vorgelebt werden, sowie die Vorteile bei der kognitiven Entwicklung des Kindes in Bezug auf «problem-solving ability and creativity» (Breen 2004, S. 455). Auf der anderen Seite steht das schlechte Gewissen das Kind belogen zu haben, sowie die Kritik am, mit der Tradition einhergehenden, Materialismus. Sie rät zu einem Mittelweg: «The modern parent must balance between teaching about reality without reducing the power of inspirational fantasy» (Breen 2004, S. 456). Sie gibt jedoch auch zu bedenken, dass es wohl Kinder gibt, die, sollten sie herausfinden, dass es den Weihnachtsmann in dieser Form nicht gibt, ihr Vertrauen in die Eltern verlieren, oder ihren religiösen Glauben ebenfalls einbüssen. Trotzdem betont Breen am Ende ihres Essays vor allem die positiven Aspekte der Weihnachtsmanntradition. Über den Weihnachtsmann resp. Santa Claus sagt sie: «He is a symbol of hope and belief in him teaches children the values of role models, family bonding and sharing, as well as promoting cognitive benefits» (Breen 2004, S. 456).

 

 


Quellen und Literatur

Breen, Lynda. (2004). What if Santa died? In: Psychiatric Bulletin, 28. Hg.: The Royal College of Psychiatrists, 455–456.

Mezger, Werner. (1990). Sankt Nikolaus zwischen Katechese, Klamauk und Kommerz. Zu den Metamorphosen eines populären Brauchkomplexes. Schweizerisches Archiv für Volkskunde 86, 62-92 und 178-201.

St. Nikolausgesellschaft der Stadt Zürich (undat.): Webseite der St. Nikolausgesellschaft, online: http://chlaus-zuerich.ch/ (12.11.2016).

Interview, Clara Lanz (Pseudonym), 02.11.16.

 

Bildquellen

Bild 1: Zeichnung gefertigt von Lino, November 2016, Egg. b. Zürich

Bild 2: Portrait eines Weihnachtsmannes, V. Tresch, 06.12.02, Egg. b. Zürich

Bild 3: Besuch von Samichlaus und Schmutzli, V. Tresch, 06.12.02, Egg. b. Zürich

Bild 4: Zeichnung gefertigt von Selina, November 2016, Egg. b. Zürich